Die diskrete Abmachung





Ein Krimi um die Abenteuer des Bernd Holzer




Auf dem Tisch lagen schon gut und gerne dreitausend Mark, als Geschäftsführer Heinz Bertram lässig weitere fünf Hundert-Mark-Scheine dazuschob. Privatdetektiv Bernd Holzer konnte den Blöff aus Bertrams Augen ablesen. Aber der Detektiv hatte sich auf die Pokerrunde in dem Hinterzimmer des zwielichtigen Etablissements nur eingelassen, um dem Geschäftsführer des "Paradise-Clubs" auf den Zahn zu fühlen. Größere Spieleinsätze waren in dem Spesenvorschuss nicht inbegriffen. "Ich bin draußen," brummte Bernd Holzer und warf fluchend seine Karten hin. Ilona Heinrichs, die vor einigen Jahren bestimmt sehr schöne, jetzt allerdings verlebte Bardame zuckte nervös mit den Schultern. "Ich steige auch aus," sprudelte sie hastig hervor und lief am ganzen Körper zitternd aus dem Raum. Mit einem hämischen Grinsen strich Heinz Bertram seinen Gewinn ein. Der Detektiv sammelte die Karten auf und mischte sie durch. llona Heinrichs hatte vier Könige gehabt, ein weit besseres Blatt als das von Geschäftsführer Bertram. "Irgendjemand spielt hier falsch.", dachte sich Bernd Holzer.
 
Betrogen fühlte sich vor allem Karl Petersen, genannt Karl der Große, Eigentümer des "Paradise-Clubs" .Etliche male hatte Kriminalkommissar Dieter Sauter ihn wegen Zuhälterei, illegalen Glückspiels und Hehlerei schon vor Gericht gebracht, aber immer musste der heimliche König des Kiezes mangels Beweisen freigesprochen werden. Seit einem viertel Jahr saß Karl der Große wieder in Untersuchungshaft, diesmal, weil der unerbittliche Kriminalkommissar ein halbes Kilo Kokain in seiner Bettmatratze eingenäht gefunden hatte.

"Mein Mandant ist kein Unschuldslamm.", hatte Rechtsanwalt Eberhard Meyer auf den Privatdetektiv eingeredet. "Aber mit dieser Sache hat er ausnahmsweise wirklich nichts zu schaffen. Der Bertram wollte seinen Chef aus dem Geschäft herausdrängen und den Laden selbst übernehmen. Deshalb hat er sich das Rauschgift besorgt, es Karl Petersen untergeschoben und dann der Polizei einen anonymen Tipp gegeben." Für diese durchaus einleuchtende Vermutung sollte Bernd Holzer nun die schlüssigen Beweise finden.

Ilona Heinrichs kehrte aus dem Waschraum zurück, setzte sich wieder an ihren alten Platz und nahm das Blatt in Empfang. "Neues Spiel, neues Glück," säuselte sie vergnügt. Bernd Holzer konnte das bei seinen Karten nicht behaupten.

Auch die Glückssträhne von Heinz Bertram schien ein abruptes Ende gefunden zu haben. Kriminalkommissar Dieter Sauter bewahrte die beiden Männer vor den kommenden Verlusten. Mit mehreren uniformierten Polizeibeamten und abgerichteten Spürhunden fiel der von der Unterwelt gefürchtete Fahnder in den " Paradise-Club" ein .

"Feierabend für heute, Herrschaften!", donnerte er die ertappten Spieler an.

"Schon wieder Sie," stöhnte Geschäftsführer Bertram. "Mit Ihren ewigen Razzien wollen Sie wohl den Club ruinieren?"

Dieter Sauter lachte über diese Anschuldigung nur. "Nehmt den Laden bis auf die Staubkörner unter die Lupe!", befahl er seinen Leuten." Wir haben eine schöne Durchsuchungserlaubnis für dieses famose Feinschmeckerlokal."

In panischem Entsetzen stürmte die Bardame auf den Ausgang zu. Dieter Sauter hielt sie am Arm fest. "Aber nicht doch, meine Schöne.", erklärte er voller Ironie. "Erst wollen wir uns in aller Ruhe unterhalten."

"Ihr durchstöbert jeden Winkel vom Gastraum. Die Privatzimmer knöpfe ich mir selber vor," wandte sich Dieter Sauter wieder an seine Polizisten. "Und dann werden wir alle miteinander einen gemütlichen Abend auf dem Revier verbringen."

Der Lichtkegel der Taschenlampe fuhr über den zurück geschlagenen Perserteppich und zu den herausgezogenen Schreibtischschubladen. Die Hausdurchsuchung hatte ihre deutlichen Spuren hinterlassen. Privatdetektiv Bernd Holzer erkannte sofort die gründliche Arbeit seines alten Freundes Dieter Sauter wieder.

Schon in den gemeinsamen Tagen auf der Polizeischule hatte der spätere Privatdetektiv eine stille Bewunderung für die systematische Vorgehensweise und die ungebrochene Gerechtigkeitsliebe Dieter Sauters gehegt. Der Kommissar hatte das Büro des Geschäftsführers von oben bis unten auseinandergenommen, aber das luxuriöse Mobiliar zeigte trotzdem nicht einen einzigen Kratzer.

Bernd Holzers Blick fiel auf die durcheinandergewühlten Geschäftspapiere. Ein oberflächliches Überfliegen verriet ihm, dass Heinz Bertram einen Großteil der Umsätze direkt in die eigene Tasche abgezweigt hatte. Es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Karl der Große dem betrügerischen Geschäftsführer auf die Schliche kommen musste. Dieter Sauter hatte die Papiere liegen gelassen, weil ihn die Konkurrenzkämpfe der Unterwelt nicht interessierten.

"Je mehr die sich untereinander in den Haaren liegen, desto besser ist das für uns," waren auf der Polizeischule immer seine Worte gewesen. Bernd Holzer durfte sich diesmal nicht nach der Meinung seines Freundes richten und steckte das Material ein.

Er wollte schon gehen, als ihm ein anderer Satz Dieter Sauters einfiel: "Verlasse niemals den Tatort, bevor Du wirklich alles gesehen hast." Bernd Holzer öffnete vorsichtig die Tür zu dem Privatzimmer von Ilona Heinrichs. Er musste sich beeilen, denn jeden Augenblick konnten die anderen aus dem Revier entlassen werden. Dieter Sauter ist nicht nur gründlich, sondern auch ein Gentleman, stellte der Detektiv belustigt fest. Trotz der Durchsuchung war der Raum in einem geradezu jungfräulichen Zustand.

Nur um der Gründlichkeit Willen inspizierte der Privatdetektiv auch das Kosmetiktischchen. Mit der linken Hand die Taschenlampe haltend öffnete er mit der rechten die Dose für das Wangenrouge. Bernd Holzer verstand nicht viel von Kosmetik, aber dass es kein weißes Rouge gibt, war ihm klar. Sein Überraschungspfiff, sicheres Erkennungszeichen, dass ein Fall vor der Lösung stand, klang diesmal tief enttäuscht.

Das Licht ging an und Ilona Heinrichs stand in der Tür. „Was wollen Sie hier?", schrie sie nach einer Schrecksekunde.

„Unser Spiel zu Ende spielen," antwortete Bernd Holzer in ernstem Ton.

Kriminalkommissar Dieter Sauter streckte dem Privatdetektiv beide Hände entgegen. "Schön, dass Du heute Nacht noch einmal reinschaust," freute er sich ehrlich über den unverhofften Besuch.

Bernd Holzer packte seinem Freund die Kosmetikdose auf den Tisch." Ich habe Dir etwas mitgebracht," sagte der Detektiv, ohne den Gruß seines Freundes zu erwidern.

Dieter Sauter öffnete den Verschluss und schmeckte von der weißen Substanz. "Erstklassiges Kokain," befand der Kriminalkommissar. "Wo hast Du das her?", fragte er neugierig.

Der Privatdetektiv atmete tief durch. "Beenden wir die Komödie. Du weißt genau, wo ich das Zeug gefunden habe."

Der Freund des Detektivs nickte bedächtig. "Was hast Du mir zu sagen?"

"Nichts, was Du nicht schon weißt," erwiderte Bernd Holzer.  "Jahrelang warst Du hinter Karl dem Großen her und immer wieder ging er Dir durch die Lappen. Dann hast Du entdeckt, dass seine Bardame und Geliebte Ilona Heinrichs süchtig ist, wahrscheinlich sogar selbst mit Rauschgift handelt., Du hast sie unter Druck gesetzt und verlangt, dass sie das Kokain in Petersens Bett versteckt. Damit konntest Du ihn festnageln."

"Meinen Glückwunsch, alter Junge," fand der Kommissar nach einer quälenden Pause endlich die passenden Worte. "Ich habe schon auf der Polizeischule gewusst, dass Du ein fähiger Kopf bist. Aber diese Pfiffigkeit hätte ich Dir nun doch nicht zugetraut."

"Es war nicht meine Pfiffigkeit, sondern Deine Erfahrung, die mich darauf gebracht hat," gab Bernd Holzer das Lob zurück.

"Ich hätte bereits am Verhalten von Ilona Heinrichs während des Pokerspiels merken müssen, dass sie süchtig ist, aber es ist mir einfach entgangen. Doch in einem Punkt war ich schon immer sicher: wenn Du eine Hausdurchsuchung machst, gibt es nichts, was Dir verborgen bleibt. Bei jedem anderen hätte ich an einen Fehler geglaubt, aber Du übersiehst nicht ein Gramm Rauschgift, wenn Du auf einer Fährte bist. Es gab nur, eine mögliche Erklärung für das Kokain in Ilona Heinrichs Zimmer: Du konntest es nicht beschlagnahmen, weil Du eine diskrete Abmachung einzuhalten hattest."

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