Computer-Rache





Ein Krimi um die Abenteuer des Bernd Holzer




Aufmerksam musterte Privatdetektiv Bernd Holzer die um den Konferenztisch versammelte Runde. Bankdirektor Jens Klüver blies mit sorgenvoller Miene den Rauch einer dicken Brasil an die Decke, während sich Chefbuchhalter Horst Driest in die endlosen Zahlenkolonnen seiner Unterlagen vertiefte. Die Sekretärin Ingrid Peters verbarg ihr Gesicht hinter einem leeren Stenogrammblock. Lediglich Computer-Spezialist Fred Walther hielt, den Kopf lässig auf die starken Tennisspielerhände gestützt, Holzers bohrendem Blick stand.

Mit einem Räuspern durchbrach Direktor Klüver das drückende Schweigen. "Aus unserer Bank sind 400.000 Mark spurlos verschwunden", eröffnete er die Krisensitzung. "Der Dieb sitzt mitten unter uns", fügte er nach einer Kunstpause hinzu. "Wird er nicht rasch gefunden, nehmen wir alle den Hut."

"Es gibt nur eine logische Erklärung", warf Chefbuchhalter Driest ein. "Bekanntermaßen kommen bei der Zinsberechnung immer Endbeträge heraus, die mit der ausgedruckten Summe nicht übereinstimmen. Die viertel und halben Pfennige, um die es geht, schreibt sich die Bank gut. Der Kunde hat dabei keinen Verlust, aber durch eine Manipulation des Computerprogramms..."

...könnten die Kassen der Bank um einige Hunderttausend geplündert worden sein", kam der Detektiv ohne Umschweife zur Sache. "Also: Wer hat alles Zugang zu Ihrem Zentralrechner?"

"Der Direktor nestelte nervös an seiner Krawatte. "Dort unbeaufsichtigt arbeiten können nur Herr Driest und ich. Sogar unser Datenbeauftragter Herr Walther kommt ausschließlich in Begleitung ans System", gestand Klüver kleinlaut ein.

Computerexperte Fred Walther schlug zornig mit der Faust auf den Tisch. "Das hat uns ja in diese Situation gebracht!", brauste er auf. "Ich habe oft genug mehr Gelegenheiten zur ungestörten Überprüfung des Sicherheitssystems verlangt."

Jens Klüver tupfte sich mit einem Taschentuch die Schweißperlen von der Stirn und tat, als würde er die wütende Attacke des Datenspezialisten gar nicht weiter beachten. "Es ist natürlich völlig unmöglich, dass Herr Driest oder etwa sogar ich..."

"Das können wir auch von Fräulein Peters sagen", fiel der Buchhalter seinem Chef ergänzend ins Wort. Die Sekretärin fuhr erschrocken hinter ihrem Schreibblock hoch. "Ich verstehe doch sowieso nichts von diesen Dingen", hauchte sie eingeschüchtert und starrte hilfesuchend auf Jens Klüver.

"Bei Ihrer Vertrauensstellung sind Sie natürlich oft genug allein im Raum des Zentralrechners", nahm Horst Driest sie jetzt aber aufs Korn. "Und Herr Klüver hat Sie auch mit auf den Speziallehrgang genommen."

Der Bankdirektor verschluckte sich an seinem Kaffee. "Das hat mit unserem Fall nun wirklich nichts zu tun", fand er endlich seine Fassung wieder.

"An ersten Informationen reicht mir das", erstickte Bernd Holzer die aufkommende Auseinandersetzung im Keim. "Ich würde mir gern von Frau Peters den Raum Ihres Zentralrechners zeigen lassen. Anschließend brauche ich die Personalunterlagen, und zwar mit Krankschreibungen, Urlaubsanträgen und was so dazugehört."

Die Sekretärin hielt das Schlüsselbund in der hand und wartete an der Tür des Konferenzraums. "Sind Sie fertig?", nickte sie Bernd Holzer aufmunternd zu, ohne weitere Anweisungen des Direktors abzuwarten. "Ja", sagte Holzer und folgte ihr.

"Sie haben hier eine Menge Selbständigkeit", stellte der Privatdetektiv auf dem Flur fest.

"Unser Direktor hat eben großes Vertrauen zu mir", erwiderte die hübsche Frau voller zurückgewonnener Selbstsicherheit.

Sie hatte mittlerweile den Computerraum aufgeschlossen, und Bernd Holzer schaute sich interessiert um. Das kahle fensterlose Zimmer beherbergte einen ganz normalen Computer, wie sie in fast allen Büros stehen. Nur die Tastatur des Schreibboards war etwas großzügiger ausgefallen, und statt eines standen hier drei Monitore, die auf den dunklen Bildschirmen ihre Geheimnisse aber nicht preis gaben. Der Detektiv hatte sich den Hauptrechner einer Großbank imposanter vorgestellt.

"Wo haben Sie eigentlich die Schnittstellen angebracht?", wollte er wissen. Ingrid Peters dachte intensiv nach. "Hier ist nichts geschnitten worden", meinte sie dann. "Wir bekamen die Anlage so geliefert." "Es ist auch nicht weiter wichtig", verabschiedete sich Holzer von der Sekretärin.

Schwer mit der Müdigkeit ringend kämpfte sich der Privatdetektiv durch den Aktenstoß auf seinem Schreibtisch. Er zog wahllos eine neue Mappe hervor, schlug sie auf und las.

Selbst den trockenen Daten der Personalunterlagen konnte er entnehmen, dass Computerfachmann Walther alles andere als ein solider Bankangestellter war. Jedenfalls wurde er von Geldsorgen geplagt und stand seit Monaten im Vorschuss. Eine Abmahnung wegen Belästigung weiblicher Mitarbeiter ließ ihn kaum auf eine außerordentliche Gehaltserhöhung hoffen.

Chefbuchhalter Driest wurde dagegen eine vorbildliche Korrektheit selbst bei der unbedeutendsten Spesenprüfung bescheinigt. Zwischen den Zeilen hieß es, dass Horst Driest im Ruf eines besserwisserischen Pedanten stand.

Trotz zahlreicher Krankmeldungen hatte Ingrid Peters eine erstaunliche Karriere hinter sich gebracht. Vor einem Jahr saß sie noch als Aushilfskraft im Vorzimmer des Buchhalters, und nun war sie zur rechten Hand des Direktors aufgestiegen.

Dann pfiff Holzer überrascht durch die Zähne. Der unscheinbare Beleg, den er in der Hand hielt, konnte eine erste Spur bedeuten. Der Detektiv griff zum Telefon und wählte Walthers Nummer.

Der Datenexperte hatte schon geschlafen, aber Holzer hielt sich nicht erst mit Entschuldigungen auf. "Wohin könnte vom Zentralrechner aus das verschwundene Geld überwiesen worden sein, ohne dass irgend jemand einen Beleg ausstellte?" "An sich nur in eine Zweigfiliale", murmelte Fred Walther. "Und noch an unsere Partnerbank in der Schweiz."

"Könnte man von Ihrem Zentralrechner aus ein Konto in der Schweiz eröffnen?"

"Nein", gähnte Walther ins Telefon. "Dazu müsste man schon selbst zu denen fahren oder einen Beauftragten schicken."

Das war es, was Bernd Holzer wissen wollte.

Verweint kauerte Ingrid Peters auf dem Drehstuhl im Büro des Direktors. Die Arme wild in der Gegend herumfuchtelnd umkreiste Klüver seine Sekretärin wie ein Raubtier seine Beute. Walther und Driest hatten sich in die bequemen Sessel der Besucherecke zurückgezogen und verfolgten gebannt das Geschehen.

"Wir benötigen Ihre Dienste nicht mehr", begrüßte Klüver schroff den Detektiv. Mit dem Finger deutete der Bankdirektor auf die gestern noch so geschätzte Mitarbeiterin. "Sie war es. Vor einer Stunde sind mir die Augen geöffnet worden."

"Und von wem?", fragte Holzer kühl.

"Von Herrn Spoerli, dem Direktor unseres Schweizer Partnerinstituts. Während Frau Peters vor vier Wochen angeblich krank zu Hause im Bett lag, hat sie in Zürich ein Konto eröffnet und gestern früh die fehlenden 400.000 Mark über den Zentralrechner dorthin überwiesen. Jetzt wird sie die Konsequenzen zu ziehen haben."

>"Herr Direktor, darum kommen auch Sie nicht herum," meldete sich Chefbuchhalter Horst Driest triumphierend zu Wort. "Oder haben Sie für den Aufsichtsrat eine plausible Erklärung, warum Sie Fräulein Peters zu Ihrer rechten hand ernannten?"

Zum Schluchzen der Sekretärin entbrannte ein stilles Duell hasserfüllter Blicke zwischen Klüver und Driest.

"Die Konsequenzen werden nur Sie ziehen müssen, Herr Driest", schaltete sich jetzt Bernd Holzer ein. "Fräulein Peters hat von Computern und Computerprogrammen keine Ahnung, weiß nicht einmal, was eine Schnittstelle ist. Aber Sie konnten das Computerprogramm problemlos umändern und dann gestern Vormittag kurz nach der Überweisung wie zufällig das Manko entdecken. Sie fühlten sich zurückgesetzt, seit Fräulein Peters nicht mehr Ihre Sekretärin ist und wollten Rache. Aus Eifersucht entwickelten Sie den Plan, sie zur Diebin abzustempeln. Vor vier Wochen nutzten sie ihre Krankmeldung und eröffneten auf Ingrid Peters Namen in der Schweiz das Konto."

"Wie haben Sie das herausgefunden?" stammelte de Buchhalter. Aus seinem Gesicht war die Farbe gewichen.

Bernd Holzer lächelte verschmitzt. "Dadurch, dass Sie selbst bei Ihrem Betrugsmanöver nicht aus der Haut des pfennigfuchsenden Buchhalters heraus konnten. Sie hätten sich ebenfalls lieber krank melden sollen, statt erst frei zu nehmen und dann für ihre Spritztour nach Zürich wie bei einer normalen Dienstfahrt die Reisespesen einzustreichen."