Hochzeitsgrüße von der Witwe





Ein Krimi um die Abenteuer des Bernd Holzer





Mit wuchtigen Stößen durchteilte die kräftige Gestalt die Brandung und kraulte auf das Ufer zu.  Privatdetektiv Bernd Holzer saß im Schatten einer Palme und beobachtete den kühnen Schwimmer durch das Fernglas. Für einen Mann, der ein halbes Jahr zuvor beim Baden im Mittelmeer ertrunken sein wollte, zeigte Stefan Bergmann erstaunlich wenig Wasserscheu.

Ein anderer hätte den munteren Verblichenen mit der sonnengebräunten Haut und dem wild wuchernden Bart nicht wiedererkannt. Doch in Bernd Holzers Gedächtnis war das Gesicht, das er nur einmal auf einem Foto gesehen hatte, unauslöschlich eingebrannt. Mit zielsicherem Instinkt hatte er gewusst, dass ihm Stefan Bergmann hier über den Weg laufen musste. Während sein Klient, die Curana-Versicherung, den Fall zu den Akten legte, hatte sich der Detektiv erneut auf die Jagd begeben.

Dabei gönnte er die zwei Millionen Mark aus der Lebensversicherung der trauernden Hinterbliebenen durchaus. Es störte ihn auch nicht, dass die junge Witwe das Geld wahrscheinlich schon bald das Geld mit dem dynamischen Wassersportler würde teilen wollen. Den Versicherungsbetrug konnte er verzeihen, nicht aber, dass jemand cleverer zu sein glaubte als Privatdetektiv Bernd Holzer. Die Fährte wieder aufzunehmen war eine Frage des Prestiges.

Der Detektiv hatte sich Gewissheit verschafft. Er konnte noch herausfinden, wann und unter welchem Umständen Stefan Bergmann unter seinem neuen Namen Dietmar König in Hikkaduwa, diesem paradiesischen Flecken an der Westküste Sri Lankas, von den Toten auferstanden war. Doch der Auftrag war erledigt, und Stefan Bergmann als ehemaliger erfolgreicher Geschäftsmann ein zu vorsichtiger Fuchs, als dass er sich nicht sofort aus dem Staub gemacht hätte, sobald nur die geringste Gefahr zu spüren gewesen wäre.

In Gedanken versunken spitzte Bernd Holzer plötzlich die Lippen und pfiff vergnügt vor sich – ein sicheres Zeichen, dass ihm ein Einfall gekommen war. Im Hotel ließ er sich mit seiner Sekretärin in Frankfurt verbinden


„Hör’ zu, Schatz“, flötete er ins Telefon, „Du kannst mir einen Dienst erweisen...“

Petra Bergmann lehnte sich in ihrem Schaukelstuhl zurück. „Dann darf ich also annehmen, dass Sie mich nicht mehr belästigen?“ Hinter dem schwarzen Schleier ihres Hutes lächelte sie befriedigt.

„Sie können den Scheck über die zwei Millionen Mark von der Lebensversicherung Ihres Mannes in Empfang nehmen und werden mich nie wiedersehen“, antwortete Bernd Holzer.

„Haben Sie sich also endlich damit abgefunden, dass ich meinen Mann nicht ermordet habe?“

„Da selbst ich Ihnen nichts beweisen konnte, dürften Sie es tatsächlich nicht getan haben“, erwiderte der Privatdetektiv trocken. Auch in den schmachvollen Niederlage verließ ihn sein Selbstbewusstsein nicht.

Aber er wollte diese Begegnung mit Petra Bergmann vor nun zwei Wochen nicht beenden, ohne wenigstens noch einen letzten Versuch unternommen zu haben.

„Vereinbaren Sie eigentlich Gütertrennung, wenn Sie Herrn Warnke demnächst heiraten?“

Die Witwe lachte hell auf. „Sie können es nicht lassen! Es ist wohl nicht pietätlos, wenn ich Ihnen sage, dass sogar mein verunglückter Mann mich manchmal im Verdacht hatte, ein Verhältnis mit meinem Arzt zu haben. Aber ich habe meinen Mann nie betrogen, und ich werde auch keinen anderen mehr lieben können. Reicht Ihnen das als Erklärung?“

Während Bernd Holzer sich erfolglos bemühte, noch den kleinsten Unterton herauszuhören, überflog er die auf dem Tisch liegende Ansichtskarte. „Glücklich in Hikkaduwa angekommen. Alles bestens. Deine Johanna.“ Die Urlaubsgrüße waren mit Schreibmaschine geschrieben.

„Die Erklärung reicht, und diesmal glaube ich Ihnen sogar“, antwortete der Privatdetektiv. „Sie sollten jetzt ausspannen. Setzen Sie sich doch einfach ins nächste Flugzeug und besuchen Sie für ein oder zwei Wochen Ihre Freundin Johanna.“

Petra Bergmann schüttelte energisch den Kopf. Ein paar Sekunden darauf floss eine einsame Träne über ihre gerötete Wange. "Ich könnte mich da nicht erholen", brachte sie stockend hervor. "Mein Mann und ich verlebten da unsere Flitterwochen. Aber das wissen Sie wahrscheinlich alles schon längst..."

Auf der Straße schlug Bernd Holzer den Kragen seiner Lederjacke hoch, um sich wenigstens etwas gegen den Herbstregen zu schützen. Sicher wusste er, dass die Hochzeitsreise der Bergmanns nach Sri Lanka geführt hatte. Doch das spielte für die Aufklärung des Falles bisher keine Rolle, und nun gab es nichts mehr aufzuklären. Ein Urlaub in den Tropen würde ihm jetzt gut bekommen, dachte der Privatdetektiv.

Er hatte allerdings nicht die Absicht, Urlaubskarten zu schreiben - zumindest nicht auf Schreibmaschine.

In einem orkanartigen Wutanfall schleuderte der Mann den Bilderrahmen mit dem Hochzeitsfoto gegen die Wand des Hotelzimmers. Das Glas klirrte, und die Scherben flogen durch den ganzen Raum. "Diese verdammte Schlampe", tobte der Gast, der hier unter dem Namen Dietmar König gemeldet war und sich wegen seiner Großzügigkeit und der ständig guten Laune beim Hotelpersonal einer ungewöhnlichen Beliebtheit erfreute. "Das hast Du von Anfang an geplant", schrie er und stieß dabei mit dem Fuß gegen den Nachttisch.

Die Reiseschreibmaschine fiel krachend auf den Boden und begrub das girlandenumrundete Zeitungsinserat unter sich. Vor wenigen Minuten erst hatte er sich den mit Spannung erwarteten Brief aus Deutschland aufs Zimmer bringen lassen, dem Pagen ein reichliches Trinkgeld in die Hand gedrückt, und so behutsam wie möglich das Kuvert aufgetrennt.

Dann war eine Welt für ihn zusammengebrochen. Der Umschlag enthielt nichts als eine lieblos aus der Zeitung herausgerissene Anzeige: "Geben ihre Vermählung bekannt: Petra Sigrist-Warnke, verw. Bergmann, und Dr. Horst Warnke"

In seiner Erinnerung kamen die Bilder einer glücklichen Hochzeit hoch. "Bis das der Tod Euch scheide" hatte der Pfarrer gesagt, als sie die Ringe tauschten. Mühsam fasste er sich wieder. Nun sollte der Tod sie anders scheiden, als es ursprünglich verabredet war.

Wie in Trance durchquerte der Betrogene die Hotelhalle. Von dem vereinzelten Urlauber, der es sich in der Lobby auf einem Sessel bequem gemacht hatte und in diesem Moment jeden seiner Schritte interessiert verfolgte, nahm Stefan Bergmann keinerlei Notiz.

Bernd Holzer winkte dem Kellner und bestellte noch einen Tee. Erst am kommenden Morgen würde der nächste Flug nach Deutschland gehen. Der Detektiv hatte genügend Zeit.

"Kennen Sie den Herren, der eben abgereist ist", sprach ein Angestellter der Rezeption Bernd Holzer an. "Wir werden uns jedenfalls in Kürze kennen lernen", sinnierte der Detektiv eher für sich als die Frage zu beantworten. "Es ist soeben ein Brief für den Herren eingetroffen, und da Sie morgen ebenfalls zurückfliegen wollen, könnten Sie ihn vielleicht am Flughafen übergeben." "Ich bin anderen Menschen immer gern zu Gefallen", antwortete Bernd Holzer und steckte den Umschlag schmunzeln in seine Brieftasche.

Flugpassagier Dietmar König verließ die Zollabfertigung als erster. Er hatte nur leichtes Gepäck und einen Mordplan gegen seine Komplicin mitgebracht.

"Herr Bergmann", nahmen die beiden Kriminalbeamten den Ankömmling in Empfang. "Sie sind unter dem Verdacht des Versicherungsbetruges festgenommen." Stefan Bergmann verschlug es die Sprache.

Jemand klopfte ihm von hinten auf die Schulter. Privatdetektiv Bernd Holzer hatte das Strahlen des Siegers aufgesetzt. "Ich hoffe, Sie nehmen mir meinen kleinen Scherz mit der fingierten Hochzeitsanzeige nicht weiter übel."

"Sie mieser Schnüffler", zischte ihn Bergmann an. "Petra hat mich schon in ihrem ersten Brief vor Ihnen gewarnt."

"Apropos Petra", reagierte Holzer freundlich und zog den Umschlag aus der Tasche. "Den Brief soll ich Ihnen noch geben. Sie können wirklich glücklich sein, mit solch einer liebevollen Frau verheiratet zu sein. Schade, dass Sie in den nächsten Jahren so wenig Zeit füreinander haben werden."