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Guru
Mahahathma, Prophet der Kosmischen Erlösung, breitete seine Arme zum Segen aus.
Die knapp 20 Anhänger der Liebeslehre vom allumfassenden Kosmos hielten
demutsvoll ihre Köpfe gesenkt und verharrten in absoluter Stille. Das Licht der
mannshohen Wachskerzen verlieh der kahlen Fabriketage eine gespenstische Atmosphäre.
Ein neuer Gläubiger wurde in den heiligen Ritus eingeführt.
Die
Augen halb geschlossen und andächtig die monotone Gebetsformel murmelnd
fixierte Privatdetektiv Bernd Holzer den Hohepriester. Er schätzte den Mann in
dem weißen Umhang und mit dem lächelnden Silberblick als einen harmlosen
Geistesverwirrten ein, der mit etwas Ausstrahlungskraft eine kleine Schar
Gleichgesinnter um sich versammelt hatte –eigentlich keine Angelegenheit, um
die ein erfahrener Detektiv viel Aufhebens machen sollte. Den Kassettenrecorder
unter seiner Jacke hatte er mehr aus Gewohnheit denn aus wirklich angebrachter
Vorsicht eingeschaltet.
Hinter
sich hörte Bernd Holzer, der angebliche Novize, Roswitha Manegold einen
Lobgesang auf Guru Mahahathma und den allumfassenden Kosmos einstimmen. Roswitha
Manegold, 18 Jahre alt, verwöhnte Tochter aus reichem Haus und irgendwann
einmal auch Alleinerbin der Manegold-Pharma-Werke, stand im Mittelpunkt dieses
ungewöhnlichen Auftrages.
"Holen
Sie meine Tochter aus der Bande von Verrückten heraus", hatte Firmenchef
Philipp Manegold von ihm verlangt. Von mir aus brauchen Sie Gewalt oder verführen
Sie sie einfach. Wie Sie Roswitha zurückbringen, ist mir völlig gleichgültig,
Hauptsache, Sie schaffen es", waren die Worte des besorgten Vaters gewesen.
Bernd
Holzer hatte versucht, ihn zu besänftigen, ihm erklärt, dass nun einmal viele
Jugendliche für kurze Zeit verrückt spielen und dass sich das schon von selbst
wieder einrenken würde. Aber Phillip Manegold ließ sich nicht beruhigen.
"Meine Tochter schwebt in tödlicher Gefahr', hatte der Vater erwidert und
darauf bestanden, dass Bernd Holzer den Auftrag 'schnell und wegen der
schlagzeilenhungrigen Sensationspresse auch diskret erledigt. Der Firmenname
solle wegen einer Familienaffäre schließlich nicht breit getreten werden.
Der
Detektiv bemerkte nichts von einer tödlichen Gefahr. Bernd Holzer hatte die
feste Absicht, die Arbeit auf die angenehmste und bequemste Weise hinter sich zu
bringen. Gleich nachher würde er Roswitha ansprechen, sie zu einem Bier
einladen und auf ein paar Tage für eine kleine Reise in den Süden überreden.
Sein Spesenkonto für diesen Fall war reichlich ausgestattet, und an seinen Verführungskünsten
gegenüber einer eher naiv wirkenden Jugendlichen hegte er keinerlei Zweifel.
"Nehmt
vom Trank des Ursprungs," sagte der Guru mit tiefer Bassstimme und reichte
das gefüllte Tonschälchen an Bernd Holzer. Der Detektiv schmeckte ganz gewöhnlichen
Tee, nur eine Nuance zu bitter. Rauschgift. das stellte er sofort fest, befand
sich jedenfalls nicht in dem Getränk. "Zu lange gezogen und kein
Zucker," befand der Detektiv. Die Kosmos-Freunde mussten Gesundheits- und
Kalorienapostel sein.
Mit
sich und der Welt zufrieden
wachte Bernd Holzer am nächsten Morgen auf. Erst beim Kaffe fiel ihm störend
ein, dass er sich nach der Guru-Veranstaltung gar nicht mehr wie geplant um
Roswitha Manegold gekümmert hatte. Eine Entschuldigung dafür wusste er nicht.
Vermutlich war es nur einfach zu spät geworden.
Soweit
sich der Detektiv erinnerte, hatte er einen zwar obskuren, aber doch recht
harmonischen Abend mit im Grunde sympathischen Leuten verlebt. Er war dabei auch
der Tochter seines Auftraggebers wenigstens etwas näher gekommen.. Er hatte
sich neben sie gesetzt und mit ihr geflirtet. Aber so sehr Bernd Holzer sein Gedächtnis
anstrengte, konnte er doch nicht sagen, wie weit er bei seinem Flirt mit der
Pharma-Erbin gekommen war.
Der
Detektiv stellte den Kassettenrecorder an und glaubte, seinen Ohren nicht trauen
zu dürfen. "Schlag sie und sei glücklich!", herrschte der Guru ihn
an. "Schlag sie und denke, Du würdest sie in den Armen halten!" Bernd
Holzer vernahm ein scharfes Klatschen und ein leises Wimmern. "Nimm die
Schläge als Liebkosung,'“ befahl der Verkünder der kosmischen Erlösung.
Bernd
Holzer wusste, dass kein Mensch unter Hypnose zu einer Handlung gegen seinen
Willen gezwungen werden kann. Und der Detektiv hatte für Männer, die Frauen
schlugen, nie etwas anderes als Abscheu empfunden..
"Der
Tee!", durchzuckte es seinen Kopf. Der Tee musste mit irgendeiner ihm
unbekannten Teufelsdroge versetzt gewesen sein. Eine andere logische Erklärung
für sein Verhalten gab es nicht. Es dürfte dem Privatdetektiv kaum schwer
fallen, sich beim nächsten Treffen unauffällig eine Probe dieses
geheimnisvollen Gebräus zu verschaffen. Vielleicht war er hier sogar einer
Bande von Rauschgiftschmugglern auf der Spur.
"Was
war es?" Bernd Holzer
platzte vor Neugier, das Ergebnis der Analyse zu erfahren, mit der sein Freund,
der Chemiker Dr. Herbert Stahl, sich seit drei Tagen herumplagte.
Der
Wissenschaftler zog ein bekümmertes Gesicht. "Genau kann ich es Dir auch
nicht sagen. Zumindest handelt es sich weder um LSD noch um eine andere
Halluzigen-Droge."
"Aber
etwas in der Richtung muss es doch sein, " hielt der Detektiv enttäuscht
an seiner Theorie fest.
"Möglicherweise
wird es einmal ein brauchbares Antidepressivum, eine Glückspille, wie der
Volksmund sagt."
"Wieso
wird es das vielleicht?"
"Der
Stoff ist noch nicht ausgereift, bringt in seiner jetzigen Zusammensetzung nicht
die Ergebnisse, die solche Medikamente haben sollen. Der Psychotherapeut sagt
dem Patienten, er solle glücklich sein, und der ist es selbst dann, wenn er gar
keinen Grund dafür hat. Soweit ist alles in Ordnung. Aber..."
Herbert
Stahl überlegte angestrengt, wie er sein kompliziertes Resultat am einfachsten
deutlich machen konnte. "Aber...", drängte ihn Bernd Holzer,
weiterzureden.
"...aber
es ist eben nicht ausgereift. Es schaltet den Willen des Patienten aus. Vor
allem jedoch: Schätzungsweise beim zwanzigsten mal dürfte die Dosis tödlich
sein."
Der
Detektiv wusste jetzt, wie der Fall lag. Er spitzte seine Lippen, doch der
Freudenpfiff, den er bei solchen Gelegenheiten immer ausstieß, blieb ihm
diesmal auf der Zunge kleben.
Generaldirektor
Phillip Manegold hatte die Cognacflasche aus seinem Schreibtisch geholt und
schenkte zwei Gläser ein. "Mir fällt ein Stein vom Herzen," atmete
er erleichtert auf. "Sie haben meine Erwartungen voll erfüllt." Mit Gönnermiene
stellte er den Scheck aus.
Bernd
Holzer steckte ihn ohne ein Dankeswort ein. "Ich habe meinen Job erledigt
und Ihre Tochter aus der Kosmos-Sekte herausgeholt. Also steht mir mein Honorar
auch zu,", meinte er trocken und schroff. Den Cognacschwenker rührte der
Detektiv nicht an. "Allerdings glaube ich nicht, dass Roswitha jemals zu
Ihnen zurück kehren wird."
Phillip
Manegold ließ sich in seinen Sessel fallen. "Was soll das bedeuten?"
Unter
dem stechenden Blick Bernd Holzers regte sich ein überlegenes Lächeln.
"Kam die Idee mit der Kosmos-Sekte eigentlich von diesem
Hinterzimmerforscher Dr. Fischer alias Guru Mahahathma oder von Ihnen? "
Dem
Generaldirektor verschlug es die Sprache.
"Für
den Guru und seinen Auftraggeber waren die Sektenmitglieder nichts anderes als
Versuchskaninchen für ein Medikament, an dem Sie einen Haufen Geld verdienen
wollten. Der Guru war Ihr Strohmann. Doch dann verloren Sie die Kontrolle über
das Projekt und konnten es nicht einmal mehr stoppen, als Ihre eigene Tochter in
die Sekte geriet."
Der
Direktor rang mühsam um Luft. "Woher wissen Sie davon?"', stotterte
er.
"Sie
selbst haben es mir verraten, als sie sagten, Ihre Tochter sei in tödlicher
Gefahr. Sie kennen Ihre Präparate. Den Rest des Puzzles zusammen zu setzen war
ein Kinderspiel."
Bernd Holzer
hatte sich von seinem Platz erhoben. "Ihre Tochter weiß übrigens noch
nichts. Sie geht nur deshalb nicht mehr zu Mahahatma, weil der schon im Gefängnis
sitzt. Die Polizei müsste jeden Augenblick auch hier eintreffen. "
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