Hippie-Trails - Reiselegenden und ihre Geschichte





HippietrailsIstanbul: Aufbruch im Pudding Shop




Auf den ersten Blick unterscheidet sich das Café an der Divany­olu 6, aus dem die Musik von Jimi Hendrix zu hören ist, kaum von den anderen et­was gehobeneren Cafés in dieser besseren Lage im historischen Kern von Istanbul. Auch die Inneneinrichtung lässt keine Besonderhei­ten erkennen, ebenso wenig wie die Kellner, gekleidet in die or­dentlichen dunklen Uniformen des Hauses.

Das sieht ganz nach einer gediegenen, aber nicht weiter bemerkenswerten Anlaufstelle für Bildungsreisende im gesetzten Alter aus. Diese geben hier nach anstrengender Sightseeingtour ihr Wissen über das gerade Gesehene zum Besten, plaudern nicht ohne Stolz über frühere Reisen und bereiten sich, im Polyglott, Marco Polo oder einem dicken Kunst- und Kulturführer blätternd, auf ihre nächste Besichtigung vor.

Die Hagia Sophia und die Blaue Moschee sind schließlich nur we­nige Gehminuten, die Galatabrücke nur einige hundert Meter ent­fernt, ebenso wie der alte Bahnhof des Orient-Express. Gleich um die nächste Straßenecke geht es in das Yerebatan Serayi, in das noch aus antiker Zeit stammende, von über 300 Säulen getragene Gewölbe, das unterirdische Wasserreservoir des alten Konstanti­nopel. Das kennen die James-Bond-Fans unter den Touristen sogar ohne Kunst- und Kulturführer aus dem Film „Liebesgrüße aus Moskau“.

In dem Café mit der Jimi-Hendrix-Musik erzählen die Fotos und Zeitungsausschnitte an den Wänden, sorgsam geglättet und ge­rahmt unter Glas, die Geschichte  einer anderen Sehenswürdigkeit der Stadt am Bosporus, nämlich die dieses Cafés.

Wir sind im Pudding Shop, gegründet 1957, mit diesem Alter schon ein wahrhaft historisches Unternehmen, dazu mit legendä­rem Ruf. Dieser Ruf, so wusste das Lifestylemagazin Max zu be­richten, lockte sogar den einstigen US-Präsidenten Bill Clinton bei einer Istanbul-Visite hierher.

Aber das Image des Pudding Shops hat nichts mit seinem Alter und auch nichts mit hochrangigen Staatsgästen, sondern mit den 1960er- und 1970er-Jahren zu tun, also der Zeit, in der Jimi Hendrix noch aus fast jedem Lautsprecher zu hören war, zumindest an den Orten, an denen sich die Genera­tion der damals 20- bis 30-Jährigen traf.

Bei meinem Jahrzehnte zurückliegenden ersten Besuch war der Pudding Shop ein solcher Ort, der Istanbuler Treffpunkt der Hippies, Globetrotter, Traveller, all derer, die aus der ver­meintlichen Enge europäischer oder nordamerikanischer Spießig­keit aufbrachen in die weite Welt der Freiheit, zu den Quellen asi­atischer Weisheit, auf das Dach der Welt, zu den Traumstränden der Glückseligkeit in Indien und noch weiter weg. Der Pudding Shop lag für uns am äußersten Ende Europas, als das Tor nach Asien, als fast zwangsläufige Station auf dem Weg ins ferne Afghanistan, nach Indien oder Nepal.

Klar war für uns weltenbummelnde Gäste des Pudding Shops da­bei vor allem eines: Die Route, die wir nehmen würden, lag fern der ausgetretenen, kommerzialisierten Touristenpfade, auf denen die pauschalreisenden Spießer trotteten.

Die Einheimischen unterdessen sahen damals in diesem Treffpunkt weltenbummelnder Glückssucher eher eine Höhle des Lasters, in die sie ihre eigenen Kinder nie hätten gehen lassen, einen Um­schlagplatz für Drogen und Geschlechtskrankheiten. Aber diese Einschätzung hinderte sie nicht daran, mit den naiven Fremden ins Geschäft zu kommen: Da zeigte man ihnen gegen ein kleines Entgelt die Ge­heimnisse der Stadt, das authentische Istanbul, inbegriffen selbst­verständlich die wirklich besten Läden, um billig an Schmuck und handgeknüpfte echte Orientteppiche zu kommen; da demonstrierte man ihnen ganz praktisch die Trickbetrügereien, vor denen sich Istanbul-Besucher schon damals in Acht nehmen mussten, vom Hütchenspiel bis zum missglückten Geldwechsel, bei dem der Reisende auf einmal nach der Barschaft in seiner Börse suchte; und schließlich vermit­telte man gern besonders günstige Busfahrkarten für die Weiter­reise nach Kabul, Tickets, die sich später dann allerdings nur für einen Bruchteil der Strecke als gültig erweisen sollten.

Seinem Image als Drogenumschlagplatz und Ort der sexuellen Li­bertinage wurde der Pudding Shop allerdings, wenn auch zum Leid­wesen vieler seiner damaligen Gäste, nie gerecht. Dass die türki­sche Polizei bei Drogenbesitz nicht mit sich spaßen ließ, war auch dem konsumfreudigsten Drogenfreund unter den Pudding-Shop-Besuchern klar – und Raum für Intimitäten boten weder der Pudding Shop noch die umliegenden Herbergsbetriebe. Die vermiete­ten nämlich weniger Zimmer als vielmehr Plätze in Schlafsälen. In denen behielt man seine Kleidung besser an, kroch so in seinen mitgebrachten Schlafsack und hoffte, vom Ungeziefer verschont zu bleiben, eine Hoffnung, die sich regelmäßig als trügerisch erwies.

Viel sauberer war der Pudding Shop auch nicht, und von einer tür­kischen oder irgendwie orientalisch-exotischen Atmosphäre konnte ebenso wenig die Rede sein. Die Gäste hatten sich geduldig am Tresen anzustellen, entschieden sich dann für einen der Yoghurts, Puddings oder eine der anderen Mahlzeiten aus der Auslage, gingen damit an die Kasse, suchten sich einen freien Platz – oder mussten im Stehen essen. Dabei konnte man dann aber gleich die Aushänge an den Wänden studieren und wichtige Informationen sammeln: wer einen freien Platz im VW-Bus nach Kabul bieten konnte, wer einen Schlafsack verkaufen wollte, wer für welche Stationen vor was für Schleppern und fiesen Betrügereien warnte. Der Pudding Shop war die große Informationsbörse am Schnittpunkt von Eu­ropa und Asien. In seiner Nachbarschaft gab es durchaus Cafés und Restaurants, in denen man sogar besser und billiger hätte essen können und dabei vielleicht sogar einen Hauch von Orient und Exotik verspürt hätte. Doch als Informationsbörse schien der Pudding Shop trotz der Ausstrahlung eines heruntergekommenen Schnellimbisses oder drittklassigen Bahnhofslokals eben unverzichtbar. Nirgends konnte man sicher sein, mehr Gleichgesinnte als hier zu treffen, wirklich die neuesten Tipps und Informationen für die Weiterreise aufzuschnappen. Hier fanden die mitteilungsbedürftigen Heimkehrenden immer dankbare Zuhörer für ihre Geschichten aus der Ferne.

Warum entwickelte sich gerade der Pudding Shop zum zentralen Umschlagplatz für Reisenachrichten aller Art? Die zentrale Lage spielte sicherlich eine Rolle – aber das Interesse der Pudding-Shop-Gäste an Kulturdenkmälern war nicht übermä­ßig ausgeprägt, vor allem dann nicht, wenn für die Besichtigung ein Eintrittsgeld fällig wurde, das das Tagesbudget des Durch­schnittsglobetrotters gesprengt hätte. Dass auch bessere und billigere Konkurrenz den Pudding Shop nicht von seinem ersten Platz als Anlaufstelle für junge erlebnis­hungrige Reisende verdrängen konnte, hatte einen beinahe zufälli­gen, ganz banalen Grund: Der Pudding Shop wurde als Anlaufstelle genannt in „Der billigste Trip nach Indien, Afghanis­tan und Nepal“. 1972 war dieses Buch von Robert Treichler im Schweizer Regenbogen-Verlag erschienen. Es erlebte Jahr für Jahr neue Auflagen und entwickelte sich zumindest für den deutschsprachi­gen Raum rasch zu dem großen Standardwerk für alle, die sich auf die große Reise nach Osten begaben.

Im 21. Jahrhundert zehrt der Pudding Shop noch immer von sei­nem nun historischen Image als zentraler Treffpunkt internationa­ler Globetrotter, als wichtiger Station des einstigen Hippie-Trails. Nach den aktuellen Gästekritiken in Internetbewertungsportalen wie Tripadvisor und ähnlichen könnten das Essen und der Service zwar angesichts der verlangten Preise durchaus besser sein, aber das sagt eigentlich nur eines: Geändert hat sich hier trotz nun or­dentlich gekleideter Kellner gar nicht mal so viel. Eine gealterte Legende wahrt ihre Tradition. 2007 schrieb das Schweizer Globetrotter-Magazin in durchaus selbstkritischer Betrachtung über Robert Treich­lers inzwischen nur noch antiquarisch zu erstehenden Reiseführer: „Treichler hatte (...) als Pionierleistung einen Reiseführer für Leute wie uns, also Reisende mit Kleinstbudget, ge­macht. Er führte mit mehr oder weniger schlauen Tipps von Stadt zu Stadt. Von Land zu Land. (...) So gesehen wurde mit dieser und ähnlichen Reisebibeln unfreiwillig ein Informationsgrundstein zum späteren Massentourismus gelegt. Man traf immer wieder die glei­chen Gesichter mit gleicher Ausrüstung in den gleichen Kneipen, beim gleichen Geldwechsler, im gleichen Zug. Ein wenig ‚Zuhause’ auf Reisen.“
 
Diesen Gedanken hätten wir Gäste des Pudding Shops damals em­pört und beleidigt weit von uns gewiesen: Wir sollten gerade dem Massentourismus den Weg bereiten, nur, weil wir uns an die so wertvollen, weil geldsparenden Tipps von Treichler halten? Nein, niemals! Dabei lässt das Globetrotter-Magazin den damaligen Gästen des Pudding Shops beinahe schon zu viel an Ehre angedeihen. Solche Pioniere, die anderen den Weg bereiteten, waren wir Billig-reisen­den auf dem Hippie-Trail streng genommen nämlich gar nicht mehr. Denn an den einzelnen Zielorten dieses Hippie-Trails hatte auch der organisierte Tourismus mit den auf europäischen Standards ausgerichteten Unterkünften, mit den an europäischen Geschmäckern orientierten Restaurants, mit den an Europa und Nordamerika angeglichenen Preisen längst seine ersten, wenn auch noch dünnen Wurzeln geschlagen.

Folgenlos blieb der Zug der Hippies und Globetrotter aber nicht. Wenn sie schon an dem einen oder anderen Ort nicht unbedingt die absolut Ersten waren, so kreuzten sie dort zumindest in der Früh­phase der touristischen Erschließung auf – und das in Massen, die der organisierte Tourismus dorthin noch nicht unbedingt bewegen konnte. So hinterließen Hippies und Globetrotter auf ihrem Zug vom Istanbuler Pudding Shop über Teheran, Kabul und darüber hinaus durch Asien und die Welt durchaus ihre Spuren, auf die man heute noch stößt.