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Prolog
im Puddingshop
Auf
den ersten Blick unterscheidet sich dieses Café kaum von den anderen etwas
besseren Cafés in dieser besseren Lage im historischen Kern von Istanbul,
gleich an der Hagia Sophia und der Blauen Moschee, wenige hundert Meter von der
Galatabrücke entfernt, in unmittelbarer Nachbarschaft zu den großen
touristischen Sehenswürdigkeiten der Stadt am Bosporus.. Auch die
Inneneinrichtung lässt keine Besonderheiten erkennen, eben so wenig wie die
Kellner, gekleidet in den ordentlichen Uniformen des Hauses.
Das
alles erweckt den Eindruck einer gediegenen, aber nicht weiter bemerkenswerten
Anlaufstelle für Bildungsreisende im besten Alter, die nach ihrer
Sightseeingtour hier ihr Wissen über das gerade Gesehene zum besten geben
wollen.
Wären
da nicht die Fotos an der Wand und die, nun natürlich gedämpfte,
Hintergrundmusik: Das in einem solchen Café ständig die zwar unvergessenen,
aber sonst öffentlich kaum noch gehörten Stücke von Jimi Hendrix gespielt
werden, mutet eher ungewöhnlich an. Und die Fotos, dazu die alten
Zeitungsausschnitte an den Wänden, ordentlich unter Glas und gerahmt, erzählen
von einer Tradition, die mit einem gehobenen Touristenlokal nicht viel zu tun zu
haben scheint. Auf diesen Fotos gibt es keine Kellner in Livré – und
eigentlich gab es damals, in der großen Zeit dieser Lokalität, gar keine
Kellner.
Wir
sind im Puddingshop, bis in die späten 1970-er Jahren bevorzugter Treffpunkt
der Hippies, Globetrotter, Traveller, all derer, die aus der
vermeintlichen Enge europäischer oder nordamerikanischer Spießigkeit
aufbrachen in die weite Welt der Freiheit, zu den Quellen asiatischer Weisheit,
auf das Dach der Welt, zu den Traumstränden der Glückseligkeit in Indien und
noch weiter weg. Der Puddingshop war am äußersten Ende Europas...
Freiheit, die ich meine
Reisen
ist ein Ausdruck von Freiheit. Der Reisende verfügt über die Zeit und die
materiellen Mittel, aus seinen alltäglichen Verpflichtungen - soweit er überhaupt
noch welchen unterliegt - auszubrechen. Der Reisende wählt seine Ziele selbst,
spontan oder gründlich geplant, er entscheidet, ob es die Berge oder eine Insel
ist....
Eine
Stadt mit dem Ruf orientalischer Exotik, eine Stadt, die man in Songs verewigt,
eine Stadt, in der dieNacht lebt: Bangkok. Der Reisende sitzt im Gullivers...
Baumelnde
Seelen in den Paradiesen
Der
tiefe Sinn des Reisens: Wellness im entschleunigten Genuss. Wo man
die findet? In all den unberührten Paradiesen wo in purer Natur
die Seelen baumeln...
Das ist die Sprache der
Tourismus-Industrie..
Reisen global
Das unterhält die Touristen: Folklore-Shows im
Vier-Sterne-Hotel - also Massai-Tänze in Kenia, Salsa in der Karbik oder
meinetwegen, wie zuletzt gesehen, Sega auf Mauritius.
Nun sind die Massai, die sich da in kenianischen
Strandhotels präsentieren, in der Regel nicht unbedingt Massais, leben auch
nicht wirklich als Viehzüchter. Und die heißblütige Salsa-Tänzerin in der
Karbik kann dem Feeling von Strand und Palmen womöglich gar nichts abgewinnen,
versucht gerade, sich mit solchen Shows ihr Betriebswirtschaftsstudium in USA zu
finanzieren.
Aber auch, wenn man selbst nicht so genau
erkennen kann, worin denn nun der Unterschied bestehen soll zwischen Salsa, Sega,
Samba und den anderen Kulturen, so lässt man sich von solchen Betrachtungen vor
Ort doch nicht die Faszination “fremder Kulturen” verhageln. Zumal: Solche
Folklore-Shows sind ja in Zeiten des Massentourismus für viele Reisende überhaupt
die einzige Variante, mit der vermeintlich fremden Kulturen in Berührung zu
kommen.
Und: Während man sich von der so ganz exotisch
fesseln lässt, kann man sich doch herrlich abheben von all den tümlichen
Musikantenstadl-Fans daheim.
Dann aber das: Während der heißen Sega-Show am
Strand von Mauritius erklingen plötzlich wohlbekannte Klänge von daheim, und
was die Sängerin da auf kreolisch von sich gibt, ist womöglich nur der übersetzte
Text dazu. Wie fand denn hier Roland Kaisers dümmlicher Schlager von den sieben
Fässern Wein Einzug in die doch so ursprüngliche und unverfälschte Kultur
einer ostafrikanischen Insel?
Der deutsche Tourist mag da entsetzt sein - doch
zum Glück für die Folklore-Macher gibt es ja noch Japaner, Chinesen, Inder
unter all den Gästen. Und die finden auch den übersetzen deutschen Schlager
immer noch authentisch.
Und schließlich kann man seinen Urlaub ja auch
so fern von allem Folklore-Kitsch verbringen:
Man wohnt in einem Hilton-Strand-Hotel am Roten
Meer. Die am weitesten verbreitete Umgangssprache ist Russisch. Arabisch? Das
reden vielleicht die Kellner und Gärtner untereinander.
Die Mitarbeiter der Rezeption, der Tauchschule
und der anderen wichtigen Freizeiteinrichtungen jedenfalls nicht. Das sind
nämlich Deutsche und Holländer. Und “Illegale”, eingereist mit
Touristenvisum.
Der “Folklore-Abend” bleibt zwar
obligatorisch, wird aber klar erkennbar international: Ein ägyptischer
Moderator kündigt eine Bauchtänzerin an. Weil wegen des immer stärker
werdenden islamistischen Fundamentalismus aber immer weniger ägyptische Frauen
wagen, sich so öffentlich zu präsentieren, sind die vermeintlichen
orientalischen Schönheiten heute auch meistens Russinnen. Man geht aufs Zimmer
- und schauen auf RTL in deutscher Sprache seine Lieblingsserie - natürlich aus
den USA.
Früher lernte man beim Reisen (vielleicht) ein
Land etwas besser kennen. Heute trifft man die ganze Welt - und bleibt doch
irgendwie zu Hause.
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