Ein perfekt geplanter Coup

Eine Lebensbeichte von ***







Motto: Traue niemandem. Nicht einmal Deiner eigenen Dummheit.




Wer hat nicht schon heimlich von dem brillant eingefädelten Geniestreich geträumt, der ihn auf einen Schlag von allen Sorgen des Alltags befreit? Ich bekenne freimütig, dass ich diesem Traum anhänge, seit ich als Zwölfjähriger Melina Mercouri in dem unsterblichen Lehrfilm "Topkapi" bewunderte. Seit jener Zeit gehört meine Sympathie dem pfiffigen Gesetzesbrecher, der geschickt allen Fallstricken des Lebens ausweicht und für die tölpelhaften Fahnder nur ein hämisches Schmunzeln übrig hat.
Ich habe aus dieser Liebe zum perfekten Verbrechen meinen Beruf gemacht: ich wurde ein biederer Durchschnittsbürger, getarnt unter dem Mantel der Seriosität und verdiene - nein: verdiente - meinen Lebensunterhalt als Polizeibeamter.

Inhalt meiner Träume war die persönliche Radikallösung, der von der Lebensversicherung trostvoll vergütete Tod des kleinen Beamten und seine Wiederauferstehung als lebenslustiger Weltenbummler. Oft genug hatte ich mich mit meiner Frau in dieses Reich der Phantasie geflüchtet, hatte ihr in allen Einzelheiten erklärt, wie mein einfacher und doch genialer Plan zu bewerkstelligen sei, sie genau instruiert, wie sie auf die bohrenden Fragen meiner damaligen Berufskollegen und der Versicherungsdetektive zu reagieren hätte.

Doch wie allen Durchschnittsbürgern mangelte es mir noch an dem Entscheidenden, am Willen zur Tat. Ohne mein geliebtes Weib wäre so alles reine Gedankenspielerei geblieben.

Wir verbrachten unseren Urlaub mit Freunden auf einer kleinen Segelyacht im Mittelmeer, mehr sportlich als exklusiv, und eines Abends beim Landgang in die Taverne sprach mich Petra unvermittelt darauf an:

"Wir sollten es einfach tun ?"

"Was sollten wir tun?" fragte ich etwas geistesabwesend, wei1 mir Petras Gedankensprünge meist zu schnell vonstatten gehen.

" Na, das Ding mit der Versicherung."

Ich versuchte in Gedanken zu rekonstruieren, welche Händel wir mit welcher Versicherung gerade zu laufen hatten. Spontan hegte ich den bösen Verdacht, dass Petra wieder einmal eine kleine Betrügerei mit der Reiseversicherung ausheckte. Sie weiß genau, dass ich bei solchen Geschichten nie mitziehe, erstens aus Prinzip, und zweitens, weil ich es mir als Beamter nicht leisten kann, wegen einer lächerlichen Kleinigkeit, die selbst bei Erfolg mehr Ärger als Profit einbringt, meine Karriere aufs Spiel zu setzen. Wenn Petra trotzdem immer wieder mit solchen Ideen anfing, dann tat sie es auch, um mich damit gehörig zu ärgern.

"Verschone mich mit Deinen Gaunereien", reagierte ich deshalb reichlich unwirsch.

"Wieso meine Gaunereien" gab mir Petra im Ton der beleidigten Unschuld zurück. "Du kennst doch seit Jahren kein anderes Thema, als die Lebensversicherung zu kassieren."

An diesem Abend trank ich etwas mehr als sonst.

Die Würfel waren gefallen; Petra hatte entschieden, meinen Plan Wirklichkeit werden zu lassen. Wieder in Deutschland begannen wir sofort mit den Vorbereitungen.

Joachim Moser, Beamter mit bescheidenem Salär und der Hoffnung auf eine in 35 Jahren fällige Pension, sollte für immer von dieser Welt verschwinden. Hinterlassen würde er eine trauernde Witwe, die nach einer angemessenen Frist sich mit dem ansehnlichen Betrag von der Lebensversicherung in wärmere Gefilde absetzt. Dass sie dort an der Seite eines braungebrannten Globetrotters den Kummer zu vergessen sucht, dürfte ihr niemand verübeln.

Zunächst einmal galt es, mich mit neuen Papieren für die Zeit nach meinem Ableben zu versorgen. Hierbei war mein seriöser Beruf äußerst hilfreich: Ein kurzer Besuch in der Meldestelle, und schon befand ich mich im Besitz druckfrischer Passformulare, die nur darauf warteten, von mir ordnungsgemäß ausgefüllt zu werden. Eine spätere interne Untersuchung verlief, ohne je an die große Glocke gehängt zu werden, erwartungsgemäß im Sande.

Phase Zwei war dagegen bereits mit körperlicher Anstrengung verbunden. Ich musste mir ein Ein-Mann-Schlauchboot kaufen und mich jede freie Minute im Dauerpaddeln einüben. Als Trainerin zeigte Petra ungeahnte Qualitäten: weder auf meine anfänglichen Muskelkater noch auf Wind und Wetter Rücksicht nehmend, trieb sie mich schon bald in eine solche Hochform, die mir die uneingeschränkte Bewunderung aller unserer Bekannten einbrachte.

Sorgen bereitete mir nur Petras unersättliche Gier.

"Mit der halben Million aus Deiner Versicherung werden wir aber nicht sehr weit kommen", hielt sie mir betrübt unsere Zukunftsaussichten vor. "Denk’ doch nur einmal an die steigenden Lebenshaltungskosten. Das ist nicht nur bei uns so."

Nun hatte ich nie an ein Luxusleben in Fünf-Sterne-Hotels, sondern an eine kleine tropische Insel, vielleicht eine Pension und einen Bootsverleih für Touristen gedacht, aber gegen steigende Lebenshaltungskosten konnte ich nichts vorbringen. Das war Petras Gebiet.

"Hör zu", versuchte ich, sie auf die Gefahren aufmerksam zu machen. "Eine Erhöhung der Lebensversicherung erregt das Misstrauen der Leute. Sie werden nicht an einen Unfall glauben und Dir ihre Detektive ins Haus schicken. Ganz abgesehen davon können wir die Prämien gar nicht bezahlen."

Aber Petra hatte sich bereits ihre eigenen Gedanken zur Verfeinerung meines Planes gemacht.

"Wir sagen einfach, ich bekomme ein Baby. Dann meint die Versicherung, wir hätten einen guten Grund, den Betrag zu verdoppeln. Du sorgst Dich eben um die Zukunft unseres Kindes, falls Dir etwas zustoßen sollte. Gerade in Deinem Beruf kann doch täglich etwas passieren."

"Aber wenn Du gar kein Baby bekommst..."

"Dann ist leider etwas schief gegangen. Gegen die ärztliche Schweigepflicht sind selbst die Versicherungsdetektive machtlos."

Meine Frau hatte tatsächlich mit allem gerechnet.

"Außerdem," so beruhigte sie mich, "hast Du doch mit den Versicherungsdetektiven nichts zu schaffen. Wenn überhaupt, werden die auf mich angesetzt. Und ich werde mit denen schon fertig."

An dieser Selbsteinschätzung mochte ich mir keine Kritik gestatten.

Während ich also täglich weiter meine Muskeln für den Tag X stählte, ging Petra wieder ihrem alten Beruf als Arzthelferin nach, um ihre Hälfte an den Prämien für die Lebensversicherung zu tragen. Das ganze war jetzt unbestreitbar unser gemeinsames Projekt, und Petra wollte verständlicherweise nicht nur am Nutzen beteiligt sein. Für diese Einstellung liebte ich sie mehr als je zuvor.

Kurz vor Weihnachten begannen wir ganz diskret mit dem Verkauf des Familienschmucks meiner Erbtante. Es tat mir in der Seele weh, mich von den kostbaren Stücken trennen zu müssen, aber Petra ließ keine Widerrede zu.

"Wir wissen nicht, wie lange wir auf das Geld von der Versicherung warten müssen. Und ich kann Dir kein Geld schicken. Wir werden doch lange Zeit keinen Kontakt haben", machte sie mir eindringlich klar.

Das war ein Punkt, den ich bisher nicht bedacht hatte, und er behagte mir gar nicht. Doch auch intensivstes Grübeln ergab keine Alternative. Wir konnten tatsächlich nichts anderes tun, als einen Ort zu vereinbaren, wo ich auf Petra so lange zu warten hatte, bis sie ungefährdet folgen konnte. Das schien zunächst zwar unangenehm, verlängerte aber, wie ich mir bewusst machte, die Vorfreude auf den dann um so süßeren Preis unseres Unternehmens.

Mit dem Sommer und den Urlaubswochen reifte die Zeit für den großen Fischzug heran. Wir waren mit den Freunden vom Vorjahr wieder zum Segeln im Mittelmeer verabredet. Ein paar Tage vor den Ferien sagte Petra ab. Ihr Arzt habe noch eine Urlaubsvertretung übernehmen müssen, und deshalb könne sie diesmal nicht mit von der Partie sein. Unsere Freunde fanden das natürlich bedauerlich, aber kurzfristige Urlaubsänderungen sind eine zu alltägliche Sache, um Argwohn zu erwecken.

"Was willst Du denn ohne Frau an Bord anfangen?" fragte mich nichtsahnend mein alter Spezi Bernd.

"Mir wird schon etwas einfallen", erwiderte ich mit dem überlegenen Lächeln des Wissenden.

Ich fuhr zwei Tage früher als die anderen nach Griechenland, nutzte die Zeit ausgiebig zur genauen Untersuchung der Yacht, verstaute das Schlauchboot, mein Traumschiff in ein unbeschwertes Leben, für die Begleiter unsichtbar hinter Seilen und alten Netzen in einer Nische unter Deck.

Das Schiff war wie geschaffen für meinen Zweck: morsche Planken und eine schon brüchige Reling mussten jeden vielleicht aufkeimenden Zweifel an einem Unfall zerstreuen. ,,Bleibt möglichst in Küstennähe, fahrt nicht zu weit ins offene Meer hinaus", gab uns Mikos, unser Reeder, mit auf den Weg. Vermutlich war er um seine Seelenverkäufer besorgten als um uns, aber leider konnte ich auf seine Bedenken keine Rücksicht nehmen. Ich musste das Gebiet der griechischen Inseln hinter mich lassen und in die Nähe der türkischen Küste.

Glücklicherweise entwickeln unsere Freunde wenigstens in ihrem Urlaub eine gewisse Abenteuerlust. Es fiel jedenfalls nicht schwer, sie für das offene Meer zu begeistern. Ich mag Menschen, die für meine Pläne Begeisterungsfähigkeit besitzen.

Petras Geburtstag bestimmte ich zu meinem Todestag. Man soll die Abwesenden ehren, und ich hatte einen einleuchtenden Grund, am Abend ein Fest zu geben., bei dem der Retzina in Strömen floss. Die Schlaftabletten in die Gläser unserer Freunde zu verteilen, war ein Leichtes. Ich brauchte nun nichts weiter zu tun, als den Betrunkenen zu mimen und abzuwarten, bis der Rest der Crew sich dem Alkohol und der Müdigkeit ergab.

Schlafende Zeugen sind die besten von allen.

Nun konnte mich nichts mehr aufhalten. Ich holte mein Schlauchboot aus Versteck, brach am Heck mit entschiedenem Griff ein Stück der Reling heraus, verabschiedete mich in Gedanken von den seelig schlummernden Freunden und ging über Bord. In etwa zwölf Stunden musste ich die Ufer meines zweiten Lebens erreicht haben.

Jetzt kamen mir allerdings zum ersten mal auch sämtliche Gefahren in brutaler Klarheit vor Augen. Ich wollte den Unfall schließlich nur vortäuschen, nicht wirklich ertrinken oder von Haien gefressen werden. Fischer konnten mein Boot entdecken, die Küstenpatrouille einen Schmuggler aufgreifen, die Sechste US-Flotte einen Terroristen versenken oder sonst ein nicht einkalkuliertes Ereignis alles zunichte machen. Was vorher so simpel aussah, wurde unter den Sternen des Mittelmeeres zu einem Abenteuer mit tödlichen Risiken. Die Angst beflügelte meinen Ruderschlag.

Aber die Nacht blieb ruhig, und es ging alles glatter, als ich es in diesen qualvollen Stunden gefürchtet hatte. Gegen Morgen lief ich in einer menschenleeren Bucht ein, zerlöcherte mit meinem Taschenmesser das Schlauchboot und überließ. es den Fluten, machte mich auf den Weg in die nächste Ortschaft. Am Nachmittag saß ich im Bus nach Istanbul.

Nach wenigen Tagen schon durfte ich aufatmen. Eine deutsche Zeitung meldete den tödlichen Unfall auf einer von Urlaubern gemieteten Yacht. Der 30jährige Beamte Joachim M. sei offensichtlich im betrunkenen Zustand über Bord gestürzt und ertrunken, lautete der Bericht. Einer der Zeugen erinnerte sich sogar an das Geräusch eines ins Wasser fallenden Gegenstandes, doch habe er geglaubt, jemand hätte eine leere Flasche über die Reling geworfen. Über diese letzte Frechheit gegenüber einem teuren Verblichenen konnte ich leider nur still triumphieren.

Meine Arbeit war getan. Nun kam es auf Petra an.

Von den folgenden Monaten ist wenig zu erzählen. Ich verließ Istanbul, reiste quer durch das Land, flog mit meinem falschen Pass nach Ostasien und ließ mich schließlich wie verabredet in einem unbedeutenden, aber hübschen Dorf an der Küste einer paradiesischen Tropeninsel nieder.

Ich schreibe diese Zeilen in einem kleinen Haus am Strand. Weil ich inzwischen die Landessprache verstehe, kann ich mich den immer zahlreicheren Touristen nützlich machen, organisiere Fahrten zu den Sehenswürdigkeiten, vermittle bei Bedarf auch die eine oder andere besonders von alleinreisenden Männern gefragte Dienstleistung, wofür mir die Fremden und die Einheimischen gleichermaßen ihren Dank erweisen. Wenn das Geschäft weiter so floriert, werde ich demnächst einen kleinen Bootsverleih eröffnen.

Zweimal habe ich, unter falschem Namen selbstverständlich, an Petra geschrieben. Eine direkte Antwort erhielt ich nicht, aber auf meinen zweiten Brief hin wurde mir anonym eine ausgerissene Zeitungsanzeige zugestellt. Petra ist mittlerweile such offiziell wieder verheiratet, mit dem Arzt, bei dem sie ihren Anteil an den Versicherungsprämien verdiente und der bei Nachfragen als Alibi für die fingierte Schwangerschaft hätte herhalten sollen.

Eigentlich ist es gut so, das sie nicht mehr kommt. Ich weiß nicht, ob ihr dieses beschauliche Leben jenseits von Hektik und überflüssigem Luxus auf Dauer behagt hätte. Ich jedenfalls bin hier glücklich, liege unter Palmen und sorge mich nicht um den nächsten Tag.

Den Traum vom perfekten Verbrechen habe ich ein für alle mal ausgeträumt.