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Ein
Buch prägte das Gesicht des 19. und 20. Jahrhunderts: „Das Kommunistische
Manifest“. Ein Bestseller, der es zeitweise bequem mit der Bibel aufnehmen
konnte, für Millionen der heimlich gelesene Hoffungsschimmer auf eine andere
Welt, später für Millionen die missinterpretierte Zwangslektüre. Die Autoren:
Karl Marx und Friedrich Engels.
Nanu?
Ausgerechnet Karl Marx, ein mit Gott und der Welt zerstrittener
besserwisserischer quartalssaufender Grübler und Friedrich Engels, der vom
schlechten Gewissen geplagte Fabrikantensohn, sollen 1847, am Vorabend der europäischen
Revolutionsstürme, ein Werk verfasst haben, das Generationen in seinen Bann
schlug? Möglich ist das schon, aber doch nicht sehr wahrscheinlich.
Vielleicht
war es ja auch ganz anders, etwa so:
Ein Blick in das Kontor des deutschen Buchdruckers Johannes Ernst Burghard, durch
unselige Umstände nach London geraten, nun Verleger mäßig erfolgreicher bis gänzlich
erfolgloser Exil-Literatur: Auf dem Schreibtisch stapeln sich noch ungelesene
und meist auch unlesbare Manuskripte, auf dem Boden bedecken unbezahlte
Rechnungen die knarrenden, sich langsam lösenden Holzdielen. Das Leben eines
deutschen Exil-Verlegers und Druckers in London ist wirklich alles andere als
rosig.
Natürlich
ernährt eine Druckerei ihren Mann – vorausgesetzt, man hat die Kunden. Nur
ist der Kundenkreis eines deutschen Exil-Verlegers nun einmal sehr leicht überschaubar,
was ja zunächst nicht weiter tragisch wäre, würde es sich denn um zahlende
Kunden handeln. Nur waren seine Kunden fast alle erfolglose Schriftsteller und
selbst verhinderte Verleger, ein Publikum, das mit dem Bezahlen von Rechnungen
entweder auf Kriegsfuß stand oder es ohnehin als kleinbürgerlich ablehnte.
Da
schimmerte auch kein Silberstreif am Horizont von Johannes Ernst Burghard, und
gerade jetzt wäre ein warmer Regen dringend nötig. Schließlich hatte der
Drucker vor zwei Monaten auch noch – familiäre Zwänge – seinen
nichtsnutzigen Neffen Emanuel ins Geschäft aufnehmen müssen, und nun wusste er
nicht einmal, wovon und wofür er diesen abgebrochenen Studenten der Philosophie
überhaupt bezahlen sollte. Zwar hatte sein Bruder Gottlieb Burghard, der Vater
dieses unseligen Sprosses, ihm den Betrag für dessen erste drei Monatsgehälter
vorgeschossen, doch leider war dieses Geld inzwischen schon für andere,
unaufschiebbarere und wichtigere Verpflichtungen verauslagt worden.
Nützlich
gemacht hatte sich dieser Emanuel Burghard in den Monaten, seit er in England
eintraf, jedenfalls noch nicht. Das war allerdings kein großer Unterschied zu
seinen anderen 24 Lebensjahren: Sohn eines leidlich vermögenden angesehenen
Kaufmanns, in der Schule gerade Mittelmaß, dann ein scheinbar ewiges Studium,
und alles schön auf Vaters Kosten.
Für
Emanuel hätte es so noch einige Jahre weitergehen können, trotz des ewigen
Streites mit dem Vater um die monatliche finanzielle Unterstützung. Denn auch,
wenn der streng auf Ordnung achtende Herr Vater regelmäßig damit drohte, dem
Lotterleben des Sprösslings durch simplen Geldentzug ein Ende zu bereiten –
am Ende traf der Wechsel immer noch rechtzeitig ein. Der Sohn im Schuldgefängnis?
Nein, diese Familienschande hätte die Burghards nie und nimmer ertragen. Also
zahlte Gottlieb Burghard weiter, bis sein Sohn ihm eröffnete, dass er nun
selber wohl bald Vater werde.
Das
allein hätte der Kaufmann noch mit einem leichten Amüsement in Kauf genommen.
Das war keine Sache, die sich nicht mit Hilfe einer erfahrenen Frau, in jedem
Fall aber mit etwas Geld hätte regeln lassen, brachte für eine künftige
Verbindung zudem die Sicherheit, dass auch der ansonsten missratene Sohn
zumindest für einen Stammhalter sorgen konnte. Doch dass Emanuel sich jeder
vernünftigen Lösung des Problems verschloss, er sich sogar wild
entschlossen zeigte, den Bastard als legitimes Kind anzuerkennen, jene
Martha sogar zu ehelichen, obwohl er doch sonst vom Stand der Ehe erklärtermaßen
gar nichts hielt, das nun konnte Gottlieb Burghard niemals durchgehen lassen.
Und so
gab es nur noch einen gangbaren Weg: Emanuel musste fort von Bremen, möglichst
fort aus deutschen Landen, heraus aus dieser unstandesgemäßen Verbindung,
weit weg von aller Möglichkeit, den Ruf der Familie zu gefährden. Da bot sich
doch an, den Sprössling zum Bruder nach London zu senden, wo er vielleicht
sogar das Verlegerhandwerk erlernen konnte. Zwar war auch Johannes Ernst
eher ein schwarzes Schaf der Burghards, vor gut zwei Jahrzehnten sogar in aufrührerische
Aktivitäten verwickelt und so gezwungen, sich seiner drohenden Verhaftung durch
Flucht nach England zu entziehen. Aber immerhin war Johannes Ernst der Familie
seither nicht mehr zur Last gefallen, hatte auch den Anstand besessen, den
Kontakt auf das der verwandtschaftlichen Konvention entsprechende Mindestmaß zu
beschränken. Und außerdem: Ein, wenn auch dünner Faden des Kontaktes in das
prosperierende Großbritannien konnte vor allem
in geschäftlicher Sicht sicherlich nicht schaden.
Also
stellte Gottlieb Burghard seinen Sohn vor die Wahl, künftig ohne väterliche
Unterstützung leben zu müssen, vermutlich in bitterer Armut, verstoßen und
ohne Aussicht, je das Erbe antreten zu können oder aber, sowie alle Formalitäten
geregelt seien, nach London abzureisen, und zwar selbstverständlich ohne dieses
Weibsbild.
Emanuel
entschied sich für London.
Und so
stand er nun, trotz des übergehängten Mantels leicht frierend, an seinem
Schreibpult, kämpfte sich mühsam Zeile für Zeile durch das dünne Heft mit
der Beschreibung eines schottischen Bergwerks, übertrug es Wort für Wort ins
Deutsche. Vor seiner Ankunft in London war Emanuel überzeugt, der englischen
Sprache mächtig zu sein, und wirklich erschüttert war diese Überzeugung
bisher auch noch nicht worden. Dennoch musste er nun einräumen, zumindest
bei der Unzahl technischer Fachbegriffe, mit denen er hier konfrontiert war, die
eine oder andere Wissenslücke zu haben. Natürlich gab es auch die Möglichkeit,
diese englischen Fachbegriffe einfach in den deutschen Text zu übernehmen, aber
dies hatte beim Onkel, als er die ersten beiden Seiten gegenlas, ein heftiges
Stirnrunzeln hervorgerufen.
"Unsere
deutschen Leser wollen einen deutschen Text", waren seine tadelnden Worte
gewesen. "Sonst", so der Onkel mit einer gewissen Berechtigung weiter,
„könnten sie ja gleich das Original kaufen“. Das aber hätte alle geschäftlichen
Bemühungen zunichte gemacht, weswegen sich Emanuel Burghard nun bei fast jedem
Satz des Textes den Kopf zermarterte, was denn nun dieses oder jenes Wort
bedeuten könnte, dabei auf Begriffe kam, die er auch im Deutschen noch nie gehört
hatte.
Missmutig
beobachtete der Druckereibesitzer seinen Neffen bei dessen fruchtloser Tätigkeit.
Am besten schon gestern hätte die Übersetzung in Druck gehen sollen. In
Hamburg, in Bremen und vor allem im Rheinischen warteten bereits die Buchhändler
auf das angekündigte Werk und jeder Tag Verzögerung bedeutete, dass ihm ein
anderer Drucker den sauer genug verdienten und sicher wieder viel zu geringen,
aber dennoch lebenswichtigen Gewinn vor der Nase wegschnappen konnte. Dass es
nun aber mit der Übersetzung nicht voranging, lag kaum allein an der fehlenden
Sprachkenntnis des Neffen. Was dem fehlten, waren die für jede Arbeit unerlässliche
Disziplin, der eiserne Wille, etwas Begonnenes auch zu Ende zu führen. Doch
statt sich in solchen unerlässlichen Tugenden zu üben, übte sich der junge
Mann in weinerlichem Selbstmitleid.
Schon,
wie er da an seinem Pult stand, erregte den Zorn des älteren Mannes. Der
Mantel, den Emanuel sich übergehängt hatte, war doch nur als ein klarer
Protest gegen die Arbeitsbedingungen im Kontor zu vesrtehen, sollte wohl sagen:
„Seht her, man zwingt mich, in dieser menschenunwürdigen Kälte zu
arbeiten!“ War sich dieser junge Mensch ohne jede Lebenserfahrung überhaupt
darüber klar, welchen Preis man heutzutage in London für Heizmaterial bezahlen
musste?
Nein,
Johannes Ernst Burghard hegte wirklich keinerlei Vorbehalte gegen die angeblich
revolutionäre Gesinnung des ihm anvertrauten Neffen. Im Gegenteil: Wäre der
ein echter Revolutionär, so, wie er selbst vor über 20 Jahren, hätte er sogar
wahre Sympathie empfunden. Doch was er von seinem jungen Verwandten zu hören
bekam, war nur ein Sammelsurium weltfremder Flausen, Phrasen, ohne alle
Konsequenzen.
Er
selbst hatte damals die Konsequenzen getragen, sich erst in buchstäblich in
letzter Minute den Häschern der Obrigkeit entzogen, bei Nacht und Nebel auf den
Weg in das nie enden wollende Exil begeben. Und sein Neffe? Der hatte sich, in
Liebesdingen auf Abwege geraten, ausgestattet mit einer kleinen väterlichen
Barschaft gemütlich in London niedergelassen, eigentlich nur zu dem Zweck, die
Aussicht auf das väterliche Erbe zu wahren. Und, der alt gewordene Revolutionär
gab es nur ungern zu: Sein Bruder hatte in dieser Angelegenheit völlig Recht.
So eine unbedachte Liebelei durfte doch nicht dazu führen, dass ein ganzes
Leben außer Plan geriet. Nur das Wort „Unstandesgemäß“ hätte Johannes
Ernst nicht in den Mund genommen. Solche Begriffe überließ er dann doch dem
spießbürgerlichen Bruder Gottlieb.
Aber wie auch immer: Die Übersetzung musste fertig werden,
und dafür musste ein anderer Übersetzer her. Der Drucker wusste schon, wo er
jemanden finden würde, einen, der schnell und zuverlässig arbeitete, aber eben
leider nicht umsonst. Doch Johannes Ernst Burghard genoss einen gewissen Ruf als
seriöser Geschäftsmann, als einer, der seine Rechnungen meist zwar spät, oft
in kleinen Raten, aber bisher immerhin in voller Höhe bezahlte. Und so durfte
er darauf hoffen, wegen der Übersetzung nicht gleich in Vorkasse gehen zu müssen,
sie erst bezahlen zu müssen, wenn die Hefte in Deutschland verkauft waren.
Dazu bot das Honorar, das zu zahlen er sich würde
verpflichten müssen, einen weiteren Vorteil: Das konnte er seinem Neffen nämlich
vom Gehalt abziehen, würde die Begründung liefern, ihm zu Ultimo nicht den
vereinbarten Betrag auszuhändigen. Und sollte der junge Mann deswegen einen
klagenden Brief an seinen Vater schicken, bräuchte der Drucker und Verleger das
wohl zum zu befürchten: Sein Bruder Gottlieb Burghard würde diese
erzieherische Maßnahme voll und ganz billigen.
„Ich habe noch Dinge zu besorgen“, verabschiedete sich
Johannes Ernst Burghard aus seinem Kontor, seinen Neffen keines Blickes weiter würdigend.
Erst vor dem Haus knöpfte er den etwas zu weiten Mantel zu, schlug den Kragen
hoch. Ein eisiger Wind blies durch die Liverpoolstreet.
Mit einem Fremden war
der Onkel ins Kontor zurück gekehrt, hatte knapp nach dem Stand der Übersetzung
gefragt, dann, das Ende der ausführlichen Antwort des Neffen nicht abwartend
einfach nach dem englischen Heft und die fertigen Seiten der Übersetzung
gegriffen, alles dem Fremden gereicht. Der überflog die Papiere mit einem
kurzen Blick, schien dabei nur die Seiten zu zählen, nickte kurz, zog aus
seiner tiefen Manteltasche nun ebenfalls einen Stoß Papiere, drückte die dem
Onkel in die Hand.
„Also“, hatte der Fremde gesagt, „wir halten es, wie
besprochen. Bis morgen Abend hast Du Deine Übersetzung. Und dieser Text geht
bei Dir in den Druck. Das Geld rechnen wir dann gegeneinander auf.“
„Aber so kann ich das dem Setzer niemals übergeben“,
erwiderte der Onkel. „Der schmeißt mir alles hin. Dass diese Gelehrten nie
eine lesbare Schrift haben.“
„Du bekommst das schon hin. Du hast hier doch einen fleißigen
Gehilfen. Der kann das Manuskript für den Setzer doch fein säuberlich
abschreiben. Ich habe es zwar auch noch nicht gelesen, aber so schwer kann das
doch nicht sein.“ Ohne einen formellen Abschiedsgruß war der Fremde dann
gegangen.
„Wieder diese Sektierer aus Brüssel, die immer nur Ärger
machen. Und dabei will niemand deren Schwachsinn lesen“, brummelte mehr für
sich als für Zuhörer. „Aber es muss nun mal gemacht werden“, fuhr er etwas
lauter fort, wandte sich jetzt wieder dem Neffen zu. „Also schreibe das
leserlich ab und mache dabei gleich die Korrekturen. Diese Manuskripte wimmeln
immer nur von Fehlern. Mit der deutschen Grammatik hat sich keiner dieser Herren
je beschäftigt.“
Und noch bevor Emanuel gegen den Entzug seiner ursprünglichen
Aufgabe protestieren, sich über die demütigende Behandlung durch den Onkel im
Beisein eines Fremden beschweren konnte, fügte Johannes Ernst in etwas versöhnlicherem
Ton hinzu: „Du kannst zwei Tage zu Hause bleiben. Aber dann bist du mit einer
lesbaren und fehlerfreien Vorlage wieder hier im Kontor.“
So hatte die Sache doch noch etwas Gutes. „Die zwangsläufige
Aufhebung der Expropriation durch die Expropriierten“ entzifferte er als Titel
auf dem obersten Blatt, und darunter etwas wie „Darlegung der
wissenschaftlichen Grundlagen“ mit anschließenden Zeichen, die aber nicht
mehr zu entschlüsseln waren. Die Namen der beiden Verfasser dieses Textes
glaubte er, irgendwo schon einmal gehört zu haben, konnte aber nicht mit
Gewissheit sagen, wo.
Emanuel Burghard beeilte sich, nach Hause zu kommen. Wie gut
war es doch, dass sein Onkel, den er, solange er ihn nur aus den hinter
vorgehaltener Hand vorgetragenen Familienerzählungen kannte, stets bewundert
hatte, der sich aber nun immer mehr als im Grunde seines Wesens so reaktionär
wie der Vater entpuppte, längst nicht alles sein wahres Leben in London wusste.
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