Guildo
Born fühlte sich gut und unbezwingbar.
Das lag nur zu einem kleinen Teil an dem weißen
Pülverchen, das er durch den zusammengerollten Hunderter tief durchatmend in seine Nase
gezogen hatte, absolut sicher an einem Ort, wo er von der Öffentlichkeit nicht behelligt
werden konnte, nämlich in der Garderobe eines Fernsehstudios.
Vor allem lag das daran, dass er als führender, aber in
der breiten Öffentlichkeit noch nicht sonderlich bekannter Vertreter einer demokratischen
wie liberalen Partei gerade dabei war, dahinzugehen, wo vor ihm noch kein Politiker
hingegangen war.
Im Kreis der engsten Parteifreunde war sein
bevorstehender Auftritt heiß diskutiert worden, und die meisten Kollegen hatten ihn
eindringlich gewarnt, weil das Ansehen der Partei Schaden erleiden könne, und das so kurz
vor den so wichtigen Wahlen, die über Wohl und Wehe von ihnen allen entscheiden würden.
Die wohlmeinenden Ratschläge hatten ihn in seiner
Position bestärkt: Er war auf dem richtigen Weg.
Es klopfte an der Tür, und von draußen rief eine noch
jugendliche Stimme "Ihr Auftritt, Herr Born".
Der Abgeordnete sah noch einmal in den Spiegel, straffte
seinen Körper und erhob sich. Guildo Born war bereit, liberale Politikgeschichte zu
schreiben.
Wie waren die Fernsehleute auf ihn
gekommen?
Pressekonferenzen, die er in Bonn zu seinem Lieblingsthema, der dringend
erforderlichen Subventionierung von Handelsketten mit Nachtöffnungszeiten, abhielt,
erfreuten sich bei den politischen Korrespondenten keines allzu großen Interesses.
So bekannt, dass sein Privatleben in der Öffentlichkeit ausgebreitet wurde,
war er noch längst nicht. Und es hätte auch nicht viel auszubreiten gegeben. Einmal war
er in einen kleinen Skandal verwickelt gewesen, ganz zu Beginn seiner politischen
Laufbahn, eine Art Jugendsünde. Guildo Born war gerade frisch in den Stadtrat gewählt,
hatte das Ereignis mit einigen Geschäftsfreunden gebührend gefeiert und raste dann,
ausgerechnet mit zwei bekannten Damen auf dem Rücksitz, in eine Polizeikontrolle. Doch
das hatte damals nur die lokale Zeitung interessiert und musste längst vergessen sein.
Wobei, wie der Abgeordnete im engeren Kreis gern bemerkte, das kleine Abenteuer
von damals ihm unter guten Parteifreunden immerhin den Ruf eingebracht hatte, ein Mensch
zu sein, mit dem man auch einmal einen angenehmen Abend fern allen politischen
Alltagsgeschäftes verbrachte. Aber das war nicht einmal in der gesamten und ohnehin nicht
großen Fraktion allgemein bekannt.
Aber warum soll
sich ein Politiker in der Öffentlichkeit nicht auch als ganz normaler Mann geben,
fragte sich Guildo Born, als er durch die Studiotür
ging, angesichts der Scheinwerfer eine leicht aufkommende Hitze verspürte und dabei die
piepsige Ankündigung der Moderatorin vernahm: "Freue ich mich, Ihnen meinen
nächsten Gast vorstellen zu können..."
Peter
Markward, der gefürchtetste Mann des
Senders, hatte sich noch ganz ruhig an den Konferenztisch gesetzt, den Kopf auf seine
Faust gestützt, in den ersten Minuten nicht einmal das Wort ergriffen - für alle
Eingeweihten also das Zeichen höchster Alarmbereitschaft.
Redaktionsleiter Stefan Reich, mit über 40 Jahren im
Grunde schon zu alt für diesen Job, fasste die letzte Woche zusammen. Auf einer
Promiparty war Vanessas hautenges Kleid geplatzt, natürlich in der Nähe von Fotografen,
und das hatte immerhin drei Schlagzeilen mit ausführlichen Bildberichten gebracht.
Außerdem hatte Vanessa ein Interview in einer Illustrierten gegeben, darin gesagt, dass
sie gar nicht begreife, warum sie immer als blöd bezeichnet würde, das ganze wieder mit
vielen Fotos, und, zu guter letzt, Harald Schneider, die Giftnudel des Konkurrenzsenders,
hatte in ihrer eigenen Talkshow ein Vanessa-Double als Studio-Dumpfbacke etabliert. Kurz:
Vanessa durfte als Kult bezeichnet werden, und das garantierte auch weiterhin die Quote
von über einer Million Zuschauern pro Sendung, selbst in den Sommermonaten.
Peter Markward legte seine Stirn in Falten, holte Luft,
und mit eisigem Ton, dabei in die Leere blickend, fragte er schneidend: "Wollen Sie
eigentlich unseren Sender ruinieren?"
Er war dabei kein bisschen laut geworden, und die
Eingeweihten wussten nun ganz genau: Demnächst rollen Köpfe. Und die Anwesenden
gehörten sämtlich zu den Kandidaten, um deren Köpfe es dabei gehen würde.
Und nun wurde der Programmchef lauter. "Sie haben
mir zur dümmsten Show die dümmste Moderatorin geliefert. Hervorragend!" polterte
Peter Markward los.
"Aber das war doch genau unsere Idee",
verteidigte sich der Redaktionsleiter kleinlaut. "Das hat uns genau das Publikum
gebracht."
"Wissen Sie eigentlich, wovon ich Sie
bezahle!", tobte Markward jetzt wie ein Orkan. "Wie viel Idioten sich an den
Möpsen dieser Kuh aufgeilen, ist hier scheißegal. Denn die zahlen alle keinen Pfennig
dafür. Zahlen tun die Werbekunden. Und keine Versicherung, keine Bank geht in Ihre
Tittenshow!"
Jetzt war die Katze aus dem Sack!
"Ich will sofort einen Vorschlag, wie Sie Ihre
beschissene Sendung für diese arroganten Arschlöcher in den Werbeagenturen interessant
machen wollen oder Sie produzieren Ihre nächste Sendung fürs Heimvideo", verlangte
der Programmchef barsch.
"Man müsste was bei den Studiogästen
verändern", warf der jüngere Assistent ein. "Vielleicht mal Leute, die
tatsächlich bekannt sind, nicht immer diese Statisten aus der zweiten Reihe. Oder einen
Politiker."
"Wenn Sie es wirklich schaffen sollten, irgendeinen
wenigstens halbwegs bekannten Politiker da reinzukriegen, könnte aus Ihnen noch was
werden", grinste Peter Markward schon fast wohlwollend.
Der Redaktionsleiter sah seine Felle endgültig
davonschwimmen. Fieberhaft versuchte er sich zu erinnern.
Irgendwann kannte er doch mal einen
Versicherungsvertreter, der in den Stadtrat gewählt wurde, so vor ungefähr 15 Jahren.
Manchmal waren sie damals zusammen um die Häuser gezogen, aber die Geschichte mit der
Polizeikontrolle und den Prostituierten auf dem Rücksitz hatte er natürlich groß
bringen müssen. Das brachte böses Blut zwischen ihm und seinem alten Kumpel, hat aber
dem Stadtrat offensichtlich nicht weiter geschadet.
Der allmächtige Programmchef schüttelte den Kopf.
"Einen solchen Selbstmörder, und dann noch vor den Wahlen, werden Sie nie
finden!"
Der Redaktionsleiter sah wieder das rettende Land.
"Ich glaube, ich habe da eine Idee. Der Mann sitzt jetzt im Bundestag. Zweite Geige,
aber für uns vielleicht ausreichend."
"Dann holen Sie Ihn. Und sorgen Sie rechtzeitig für
die Presse. Sex und Politik, damit hätten Sie noch eine Chance", befahl Markward.
"Ich kümmere mich um die Presse. Aber den Kontakt
zu unserem Mann macht unser Assistent. Der Kerl kennt mich. Und es ist besser, wenn er
nichts von mir weiß."
Lässig setzte sich Guildo Born in den roten Sessel mit
dem Plastikbezug, schlug die Beine übereinander und setzte das strahlendste Lächeln auf,
zu dem er imstande war.
Das war in der Geschichte der Bundesrepublik der erste
Auftritt eines aktiven Politikers in einer Sex-Talk-Show.
"Hören wir einmal, was den Leuten zu Guildo Born
alles einfällt", fiepste Vanessa.
Für Beobachter kaum erkennbar zuckte der Studiogast
zusammen. Was
sollte den Leuten zu einem liberalen Politiker schon einfallen. Normale Menschen kannten
ihn doch gar nicht. Und bisher war das eigentlich auch gut so,
ging dem Abgeordneten durch den Kopf.
Auf dem großen Monitor erschien das Gesicht eines jungen
Mannes mit lila Haarsträhne. "Also der Guildo Born, das ist doch ein ganz
dynamischer Typ. So richtig frisch schaut der immer aus."
Eine Rothaarige im engen T-Shirt meinte: "Irgendwie
ziemlich cool. Der macht nicht so viele Worte."
Bei den
Jungwählern komme ich also an, lehnte sich der
Abgeordnete beruhigt zurück.
Es waren meist die unangenehmen Arbeiten,
die Redaktionsassistent Jochen Kram, mit 24 bei weitem zu alt für seinen Job, zu
übernehmen hatte. Guildo Born zu kontakten, ihm den Auftritt in einer Sex-Talk-Show
schmackhaft zu machen, das war noch o.k. gewesen. Wie fast alle anderen hatte er sich
geziert, irgend etwas von Imagefragen gefaselt, aber all diese Sprüche kannte der
Assistent schon auswendig. Mit dem Hinweis auf mindestens eine Million Zuschauer zu einer
der besten Sendezeiten hatte er aber noch jeden bekommen, den die Redaktion verlangte.
Realistischerweise hatte die Redaktion die Ansprüche aber auch nie zu hoch angesetzt.
Das Problem waren die fingierten Straßenumfragen, bei
denen wahllos herausgegriffene Passanten in die Kamera erzählen mußten, wie toll sie den
jeweiligen Studiogast von Vanessa finden.
Bei den üblichen Seriendarstellern,
Models und anderen Wichtigtuern aus der zweiten Garnitur des Showbuisiness war das noch
einfach zu lösen. Zwar kannte die auch kaum jemand mit Namen, aber wenn man sich in deren
Heimatstadt mit Kamera in Positur brachte, den Passanten erklärte, dass sie mit einem
belanglosen wohlmeinenden Satz ins Fernsehen kämen und dazu noch an den Lokalpatriotismus
apellierte, ging das meistens. Und irgendwie schienen die Leute dann sogar zu glauben, was
sie sagten.
Doch diesmal war alles anders. Zwar hatten einige Leute
schon von Guildo Born gehört, wusste einer sogar, für welche Partei er im Bundestag saß
- aber über den Volksvertreter einige freundliche Worte sagen, das wollte niemand. Auch
nicht vor der Kamera, und erst recht nicht vor der Kamera! Nach drei Stunden hatte Jochen
Kram dutzende Menschen angesprochen, aber noch nicht einen Dreh im Kasten.
200 Mark durfte er jedem Interviewpartner in die Hand
drücken. So war es mit mit dem Redaktionsleiter Stefan Reich abgesprochen. Sollte er nun
im Sender anrufen und fragen, ob er den Betrag verdoppeln soll, vielleicht sogar auf 500
Mark gehen könne. Das wäre dem Alten gerade recht gewesen, daß er so sein absolutes
Versagen zugibt. Dann wäre der Assistent der erste, der gefeuert würde.
Nein, es musste auch anders gehen. Als der
Skatebordfahrer mit der lila Haarsträhne vorbeikam, schoss ihm genau der richtige Gedanke
durch den Kopf. "Hör' zu", hielt er ihn an. "Wir suchen noch ein paar
Statisten für einige Szenen zu unserer Serie 'Ständig neue Zeiten', die wir demnächst
hier drehen. Ein paar Tricks mit dem Skateboard kämen ganz gut an. Du müsstest uns
allerdings noch einen Gefallen tun..."
"Wie reagierst Du denn, wenn Dich eine junge
Frau auf der Straße anspricht, und Dir sagt, dass Sie Dich so oft im Fernsehen gesehen
hat und nun auch mal persönlich kennen lernen will. Gab es da erotische Erlebnisse?"
Im Regieraum sackte Stefan Reich auf seinem Stuhl
zusammen. Wie oft hatte er dieser tauben Nuss eingeschärft, dass sie diesmal den
Studiogast nicht zu duzen hat! "Da rackert man sich ab, um was fürs Image zu tun,
und die Schlampe kapiert nicht, um was es geht!", raunzte der Redaktionsleiter den
Regisseur an.
Die Pressekampagne war tatsächlich hervorragend
gelaufen. Selbst Zeitungen, deren Redakteure unter normalen Umständen abgestritten
hätten, Vanessas Show auch nur zufällig gesehen zu haben, berichteten im voraus vom
Zusammentreffen des als eher unterkühlt eingeschätzten Politikers und der heißblütigen
Moderatorin. Stefan Reich hatte Guildo Born eigentlich nicht als kühl in Erinnerung,
sondern als einen meist zu lauten Vertretertyp von aufdringlicher Kumpelhaftigkeit. Und
Vanessa fiel nach dem Abschalten der Kameras jedes mal in eine solch harmlose
Unauffälligkeit zurück, dass selbst der karrierehungrige Jochen Kram sie auf den
internen Partys des Senders schon übersehen hatte. Aber "Der Kühle aus dem Norden
trifft das Heißblut aus dem Süden" war als Kampagnenmotto nicht zu
toppen.
"Soll ich nicht besser mit der Kamera wieder auf
ihren Ausschnitt fahren", schlug der Regisseur vor.
"Nein. Voll auf Born", lautete Reichs
Anweisung.
Der hatte mit Vanessas Frage gerechnet. Schließlich
ließ er, seit ihn die Fernsehleute angesprochen hatten, Vanessas Shows aufzeichnen,
diskutierte jede einzelne ihrer Standardfragen mit seinen Referenten. Aber jetzt war nicht
vorbereitet.
Wir müssen aufgeschlossen und lässig sein. Das
bringt beim Wähler Pluspunkte. "Ich..., also in
dieser Position wird man schon von vielen Menschen angesprochen. Und da ergeben sich auch
immer wieder neue Kontakte." Guildo Born war ausgesprochen stolz auf seine Antwort.
"Und das sind dann auch erotische Kontakte?"
schob Vanessa nach. Es mochten sie ja alle für blöd halten, aber dass der Gast ihrer
Frage ausgewichen war, hatte sie sehr wohl bemerkt. Und solange das ihre Sendung war,
würden die Gäste die Fragen, die man ihr beigebracht hatte, auch beantworten.
Das verdammte Luder will mich aufs Glatteis führen.
Also weiter aufgeschlossen bleiben. Aber eine Scheidung im Wahlkampf geht auch nicht!
"Natürlich. Jeder Kontakt zum anderen Geschlecht ist doch
irgendwie erotisch. Und für manche wohl auch der Kontakt zum eigenen Geschlecht, was ich
natürlich toleriere. Aber deswegen kann ich ja nicht mit jeder Bewunderin ins Bett
steigen." Diesmal fand Guildo Born seine Antwort geradezu genial und politisch
überaus korrekt.
Er nahm noch einen Schluck aus dem Weinglas und fühlte
sich gut und unbezwingbar.
Vanessa blieb nur noch ihre letzte Frage: "Wann hast
Du zum letzten mal Sex gehabt?"
Seine Erklärung für die Öffentlichkeit
wäre ganz klar gewesen: Ich
hatte an diesem Tag eine Vielzahl von Terminen, war übermüdet, konnte mich kaum noch
konzentrieren. Ich habe das Kokain, das mir einer der Fernsehleute angeboten hat,
genommen, aber nicht in die Nase hochgezogen. Die späteren Ereignisse, die ich zutiefst
bedauere, zeigen allerdings eindeutig, dass die von meinen Parteifreunden und mir immer
wieder geforderte vorbeugende Drogenpolitik noch viel zu wenig in die Praxis umgesetzt
wird. Im übrigen kann ich mich an den Ablauf des Geschehens nicht mehr detailliert
erinnern, glaube aber, dass mein Verhalten im Großen und Ganzen noch im Rahmen dessen
blieb, was in diesem Umfeld nicht so unüblich sein dürfte. So oder so ähnlich wollte Guildo Born alle
Reporterfragen abwimmeln.
Nur: Kein Journalist hatte ihn bisher angerufen und um
eine Erklärung gebeten. Graf Landmann, sein bisheriger Freund und Förderer, der
Grandseigneur der Fraktion und selbst in Skandalen um seine Person nicht unerfahren, hatte
ihn zu sich ins Büro bestellt und eine Erklärung verlangt.
"Was ich gestern gesagt habe, war doch im Grunde
nicht so schlecht", begann Guildo Born schwach seine Verteidigung.
Der Graf schaute ihn mehr als ernst an. "Niemand
interessiert sich für das, was Du erzählt hast. Allein wichtig ist, was Du gemacht hast.
Und 1,8 Millionen Zuschauer haben gesehen, wie Du dieser Moderatorin in den Ausschnitt
gegrabscht und ihr Kleid zerrissen hast, als sie Dich fragte, wann Du zum letzten mal Sex
gehabt hast!"
"Ich war übermüdet, unkonzentriert. Und sie hat
mich provoziert. Das passiert der doch wahrscheinlich sowieso ständig. Und wir haben doch
im Bundestag dagegen gestimmt, dass ein bisschen sexuelle Belästigung gleich unter Strafe
gestellt wird. Und das brachte bei den Stammwählern jede Menge Punkte", reagierte
Guildo Born trotzig. So leicht würde er nicht auf seinen Parlamentssitz verzichten.
Was soll ich denn sonst tun? Meine Versicherungsagentur läuft doch
längst nicht mehr.
"Du hast offensichtlich nicht begriffen, um was es
geht. Natürlich dürfen wir alles sagen, für oder gegen alles stimmen. Aber Du kannst
hier nicht 18000 Mark im Monat verdienen und dabei nicht lernen wollen, dass wir nichts
von alledem tun dürfen. Jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. Nicht einmal als
Liberaler."
Die Unterredung und Guildo Borns
Parteikarriere waren
beendet.
Peter
Markward, der allmächtige
Programmchef, nahm natürlich nicht selbst an der Redaktionskonferenz teil. Dafür hatte
er zehn Flaschen Champagner spendiert und Stefan Reich genau mit seinen Wünschen
instruiert. Für Stefan Reich würde es die letzte Sitzung als Redaktionsleiter werden.
Markward war in den Aufsichtsrat berufen worden, und nach dem Quotenerfolg der vergangenen
Nacht war klar, dass Reich sein Nachfolger würde.
Übellaunig setzte sich Reich an den Konferenztisch. Das
verlangte seine künftige Position. "1,8 Millionen waren nicht schlecht. Aber wer es
hier damit belassen will, kann gleich gehen", begann er seine Standpauke für die
Mitarbeiter. "Diese Quote will ich künftig nicht nur einmal pro Woche, sondern jeden
Abend sehen."
"Das gibt ein Problem mit den Gästen. Und diese
Vanessa schafft das nie, für jeden Tag ihre Texte zu lernen", warf Jochen Kram ein.
Zu spät fiel ihm ein, dass er sich wahrscheinlich gerade um Kopf und Kragen redete.
"Das lass' ich mir nicht gefallen. Ich kann sehr
wohl meine Texte täglich lernen", kreischte Vanessa los. Seit Jochen Kram sie einmal
auf der Hausparty des Senders übersehen hatte, konnte sie ihn ohnehin nicht mehr
ausstehen.
"Du lernst hier gar nichts mehr", fuhr ihr der
Redaktionsleiter in ihren hysterischen Anfall. "Eine Moderatorin, die sich in ihrer
eigenen Sendung in den Ausschnitt fassen lässt und ihre Möpse zeigt, können wir nun
wirklich nicht gebrauchen."
"Wir brauchen jemand, der clever ist, arrogant,
widerwärtig und dabei dynamisch", rettete Redaktionsassistent Jochen Kram seine
Karriere. "Jemand wie..."
"Born. Genau, mein Junge! Egal, was er kostet. Also
schwing Dich ans Telefon und besorge mir den Tittengrabscher. Den wollen die Leute
sehen", brachte Reich die Quotenfrage auf den Punkt.
Vanessa standen die Tränen in den Augen. "Du, mein
Schatz", grinste Reich sie an, "kannst ja in die Politik gehen."