Sollten Sie Telepathie für eine
ernsthafte Angelegenheit halten und in dieser Illusion beharren wollen, lesen
Sie in Ihrem eigenen Interesse gar nicht erst weiter. Ich habe nämlich herausgefunden,
wie man sogar den hintergründigsten Gedankenleser matt setzen kann: durch einfache
Dummheit. - Gegen die kämpft selbst das Übersinnliche vergebens.
Aufgefallen
war er mir bereits bei einem an sich belanglosen
Fernsehquiz, und zwischen uns herrschte Antipathie auf den ersten Blick. Mich störte
dabei nicht einmal, dass er Fragen, zu denen mir die Antwort nie eingefallen wäre, wie
aus der Pistole geschossen beantwortete. Geistige Überlegenheit erkenne ich gern neidlos
an. In Rage brachte mich vielmehr die maßlose Überheblichkeit des Kandidaten; bemühte
der sich doch nicht einmal anstandshalber so zu tun, als benötigte er Bedenkzeit von
wenigstens ein paar Sekunden, nein, er ging sogar soweit, seine Antworten mit demonstrativ
zur Schau gestellter Langeweile vorzutragen, noch bevor der Quizmaster die Fragen
ausgesprochen hatte.
Nun bin ich der festen
Überzeugung, dass Quizsendungen ohnehin ein Ort der Mauschelei hinter den Kulissen sind.
Üblicherweise können die Moderatoren für diese menschliche Schwäche auch mit meiner
vollsten Sympathie rechnen. Schließlich kann ich verstehen, dass der stressgeplagte
Fernsehunterhalter lieber die 20jährige blonde Stewardess als Siegerin küssen als dem
60-jährigen glatzköpfigen Buchhalter zum mühsam erkämpften Erfolg mit feuchten
Händedruck beglückwünschen möchte. Doch im konkreten Fall wollte ich nicht einsehen,
warum ausgerechnet diesem arroganten Schnösel die Aufgaben schon vor der Sendung
präsentiert worden waren. Vielleicht, so rätselte ich, hatte er dem Showmaster eine
Provision vom Gewinn zugesagt.
Das Publikum im Saal mochte meine
Skepsis nicht teilen. Es legte im Gegenteil dem hochmütigen Sieger dessen gespielte
Zurückhaltung als vornehme Bescheidenheit aus und jubelte ihm zu, als hätte er auf
offener Bühne das lang erwartete Heilmittel gegen Schnupfen zusammengebraut. Ich
jedenfalls ließ mich nicht einlullen und beschloss, die Schiebung schonungslos
aufzudecken.
Ein Freund beim Sender konnte
zumindest meinen Verdacht gegen die Integrität des Showmasters zerstreuen. Der soll, wie
mir vertraulich mitgeteilt wurde, selbst über den Kenntnisstand seines ungeliebten
Kandidaten erstaunt gewesen sein und eine genaue Untersuchung verlangt haben. Doch konnte
man niemanden dingfest machen, der sich eines so eklatanten Geheimnisverrates schuldig
gemacht hatte.
Die Affäre war mir zu belanglos,
als daß ich meine kostbare Zeit auf sie verschwenden wollte. - Was hatte ich denn schon
mit diesem ominösen Varietékünstler namens Norbert Telemann zu schaffen. In den
kommenden Monaten nichts, bis er meinen Lebensweg in natura kreuzte.
Ich bin alles andere als ein leidenschaftlicher und guter
Schachspieler, aber wenn ich schon einmal etwas anfange, packe ich es richtig an. Als
Mitglied in einem angesehenen Traditionsverein unserer Stadt N. zahle ich also pünktlich
meine Beiträge und darf mich dafür einmal in der Woche mit Besseren vergleichen. An die
Frustrationen habe ich mich gewöhnt.
Doch all die kleinen Frustrationen
eines ewigen Verlierers verblaßten neben den katastrophalen Ereignissen, die meine
Bekanntschaft mit Norbert Telemann nach sich zog.
Unser Vereinspräsident
überschlug sich fast vor Begeisterung, als er den neuen Mitspieler einführte.
"...habe ich die große Ehre,
Ihnen Herrn Telemann vorstellen zu dürfen. Sie wissen schon, den, der vor kurzem in der
Quizsendung mit seinen brillanten Antworten so hervorragend abgeschnitten hat."
Mich hatte der Vereinspräsident
damals nicht so überschwänglich mit den anderen bekannt gemacht. Mein Glaube an die
Ernsthaftigkeit der Clubkameraden erlitt einen schweren Knacks. Nie hätte ich es für
möglich gehalten, dass erwachsene und lebenserfahrene Menschen zu solcher Hoffertigkeit
gegenüber einem aufgeblasenen Nichts in der Lage wären. Das Schulterklopfen und
Außerordentlich-Erfreut-Sein ging mir empfindlich gegen den Strich.
Norbert Telemann schien solche
Massenhuldigungen gewohnt und lächelte zu allem jovial. Lediglich unsere Begrüßung
strotzte vor Kühle. Mit sicherem Instinkt hatte er in mir seinen unerbittlichen
Widersacher erkannt.
Beinahe allerdings wäre ich zur
Aussöhnung bereit gewesen. Wie er in der folgenden viertel Stunde unseren Präsidenten im
wahrsten Sinn des Wortes vom Brett fegte, bereitete mir eine selten zuvor genossene
Schadenfreude, für die ich ihm seine Arroganz durchaus verziehen hätte.
Fasziniert beobachtete ich, wie
Norbert Telemann sich überhaupt nicht um die Figuren auf dem Brett zu kümmern schien,
statt dessen sein schwitzendes Gegenüber ins Visier nahm, ihn, die Augenbrauen lässig
hochgezogen, fixierte und in aller Seelenruhe abwartete, bis sein Gegner vollends die
Fassung verlor.
"Genau der Zug, den ich
befürchtet hatte", stöhnte unser Präsident und Vereinsmeister nach nicht einmal 20
Minuten auf. "Gegen Sie komme ich unmöglich an." Der Neue hatte überlegen
gesiegt.
Auch wir anderen wollten jetzt
unser Können unter Beweis stellen, aber es fand sich keiner, der die Ehre der
langjährigen Clubmitglieder hätte wiederherstellen können.
Ich kam, reine Bescheidenheit, als
letzter an die Reihe und machte den Reigen der Niederlagen komplett. Norbert Telemann
massakrierte gerade meinen letzten Bauern, genau so, wie ich es vorhergesehen hatte, als
ein leichtes Raunen durch die Zuschauerreihe ging.
"Unmöglich", hörte ich
hinter mir murmeln. "Dass er das übersehen hat, ist doch unvorstellbar."
Ich war den Vereinsgenossen sehr
dankbar dafür, dass sie sich in jüngster Zeit jedes Kommentars zu meinem eher
stümperhaften Spiel enthalten hatten, und ich konnte es ihnen kaum verdenken, wenn sie
nun angesichts meines schwachen Bildes damit wieder anfingen. Eine unerhörte
Missachtung
meiner Person bedeutete es jedoch, dass sie mich ausgerechnet im Beisein meines
neugewonnenen Intimfeindes zum Volltrottel abstempelten.
"Man muss das
verstehen", lenkte unser Präsident beschwichtigend ein. "Nach zehn Partien
verliert sogar das größte Schachgenie an Konzentrationsfähigkeit."
Nach zehn Partien? Dann hatten die
Bemerkungen der aufmüpfigen Kiebitze nicht mir, sondern meinem Gegenspieler gegolten. Ich
nahm noch einmal die Konstellation auf dem Brett unter die Lupe und fand Telemanns Zug nun
ebenfalls absolut unverständlich. Er hatte eine ganz simple Mattstellung schlichtweg
übersehen. Einem wahren Meister sollte so etwas nicht einmal im Spiel gegen mich
passieren.
Norbert Telemann bemerkte die
Irritation, die sein falscher Zug ausgelöst hatte und ließ mir nun keine Gelegenheit
mehr zum Entkommen. Nach drei Zügen hatte er meinen König in der Ecke, in die der nach
meinen Vorstellungen nie hinein sollte. Mir blieb nichts anderes übrig, als kleinlaut den
Platz zu räumen.
Nach diesem Debüt war der Aufstieg Norbert Telemanns in die Spitzen
der Schachwelt nicht mehr zu bremsen. Bei den internen Vereinsmeisterschaften ging er als
Sieger hervor, ohne auch nur eine einzige Partie verloren zu haben, bei der Bezirks-,
später der Landes- und endlich der Bundesmeisterschaft gab es niemanden, der ihn
wenigstens einmal hätte bezwingen können.
Ein heimlicher Trost blieb mir
noch. Genie und Wahnsinn liegen bekanntermaßen beieinander, und insbesondere die
Biographien berühmter Schachkoriphäen enden gewöhnlich in der Nervenheilanstalt. Dort
nützten ihm Ruhm und Geld nichts mehr, sagte ich mir. Dass Norbert Telemann in dem
Fernsehquiz noch ein gewisses Maß an Allgemeinbildung bewiesen hatte, stand in keinem
Widerspruch zu meiner Prognose. Mit jedem weiteren Schritt nach oben musste er sich in die
Fachidiotie hineinsteigern und dem geistigen Absturz nähern. Ich war zwar nur ein
Durchschnittsbürger, dem das Rampenlicht für immer verwehrt bleiben würde, brauchte
dafür aber auch nicht zu fürchten, von der Höhe eines unerreichbaren Ruhmes in die
Zwangsjacke gesteckt zu werden.
Meine stille Genugtuung zerplatzte
schon bald wie eine Seifenblase.
Von
allen Büchern, die mir mit schweren Siegeln verschlossen sind, ist das über Astrophysik
wohl das dickste. Genau genommen hatte ich bis zu jenem denkwürdigen Tag nicht einmal
geahnt, dass ein solches Buch überhaupt existiert. Dass ich trotzdem den
astrophysikalischen Kongress besuchen musste, lag einfach daran, dass ich nichts anderes
zu tun hatte und meine Zeitungsredaktion unbedingt einen Bericht für die Lokalseiten
verlangte. Schrieben Reporter ausschließlich über Dinge, von denen sie etwas verstehen,
bliebe der größte Teil der Papierproduktion volkswirtschaftlich ungenutzt.
Den Begrüßungsworten des Planetariumsdirektors
unserer Stadt konnte ich noch ohne Kopfschmerzen bereitende Geistesakrobatik folgen. Ich
brauchte lediglich Namen und Funktion der wichtigsten Anwesenden zu notieren und mit den
salbungsvollen Redensarten zu durchmischen, die bei solchen Begrüßungen ohnehin immer
fallen.
Bei dem Vortrag des Hauptreferenten Professor Dr.
Querfurth stellten sich dagegen erhebliche Verständigungsschwierigkeiten ein. Die
Urexplosionen des Universums erschütterten meinen Schädel und undefinierbare
Quarkteilchen setzten sich in meinen Gehirnwindungen fest. Als der Redner geendet hatte,
war mein Notizblock mit geheimnisvollen Hieroglyphen vollgekritzelt und das einzige, was
mir als Überschrift für einen möglichen Lokalbericht vorschwebte, war etwas in der Art
von "Das Universum: Eine gigantische Quarksuppe".
Doch den eigentlichen Knock-Out-Hieb sollte ich
erst noch empfangen.
Norbert Telemann bestieg das Podium, wurde mit
höflichem Applaus bedacht und ergriff das Wort. Der Provinz-Varitédarsteller sprach
nicht etwa über Kleinkunst, was ich ihm in unermesslicher Toleranz noch zugebilligt
hätte, er verlor auch kein Wort über Quizsendungen oder Schach, er bildete sich allen
Ernstes ein, zum Kongressthema sprechen zu können.
Ich formulierte bereits an einer neuen
Überschrift für meinen Artikel. "Schachmeister auf
Wissenschaftskongress
unsterblich blamiert" gefiel mir eindeutig am besten. Jeden Moment musste der Saal in
herzhaftem Gelächter zerbersten.
Kein Atemzug war zu vernehmen, als Norbert
Telemann seine Laienrede abschloss. Wissenschaftler sind eben höfliche Leute, dachte ich
mir. Doch dann erbebte zu meiner Überraschung der Raum unter einem wahren Orkan an
Beifall. Aus reiner Höflichkeit wurde ihm der nicht gespendet,
Norbert Telemann stand noch auf dem Podium.
"Lassen Sie mich kurz ein Problem
anschneiden, vor dem heute jeder Forscher steht", hob er von neuem an. "Woran es
uns fehlt, ist die Ausdrucksweise, die vom Mann auf der Straße verstanden wird. Im Kopf
des unbedarften Laien mögen die physikalischen Teilchen, von denen der geschätzte
Professor Querfurth sprach, als eine gewöhnliche Quarksuppe erscheinen, und nun stellen
Sie sich bitte die Verwirrung vor, wenn morgen in der Zeitung unter der Überschrift
Das Universum: Eine gigantische Quarksuppe über unseren Kongress berichtet
wird, weil eben auch die anwesenden Journalisten keine Kenner der Materie sind. Was wir
brauchen, ist eine Ausdrucksweise, die auch vom ungebildeten Hörer verstanden wird."
Jetzt hatte er der Lacher auf seiner Seite, und
ich wollte am liebsten im Erdboden versinken. Von meinen Gedankenspielereien über eine
schlagkräftige Zeile für meinen Bericht konnte er doch unmöglich wissen. Ich erhob mich
von meinem Platz und schlich Richtung Ausgang.
Dort erkannte mich zu allem
Überfluss der Dekan
der Universität.
"Nehmen Sie es nicht tragisch, wenn Sie nicht
alles verstanden haben sollten", tröstete er mich über die erlittene Schmach.
"Mit unserem Thema muss man sich schon sehr lange auseinandersetzen, um es zu
begreifen."
Für mich stand fest,
dass ich es mit den letzten
beiden Stunden belassen würde.
Der Dekan hielt mich aber noch fest.
"Grandios, was dieser Telemann ausgetüftelt
hat. Wissen Sie, ich grübele seit Jahren über genau dieses Problem, habe aber noch nie
etwas veröffentlicht. Und jetzt kommt der Telemann, der noch nicht einmal vom Fach ist,
spricht aus dem Stehgreif und kommt zum gleichen Resultat. Dieses Genie ist einfach
phänomenal."
Ich fuhr in die Redaktion, schrieb unter
Magendrücken meinen Artikel und legte mich zwei Tage krank ins Bett.
Meine Gehirnzellen arbeiteten jedoch auf Hochtouren, setzten
Mosaiksteinchen an Mosaiksteinchen, fügten Indiz an Indiz.
Norbert Telemann tritt als
Kandidat in einer Fernsehshow auf und beantwortet alle Fragen, bevor der Quizmaster sie
ausgesprochen hat. Er hält als Laie einen astrophysikalischen Vortrag über ein Thema, zu
dem noch nichts veröffentlicht wurde, spricht aber das aus, was ein anerkannter
Wissenschaftler seit Jahren vermutet. Er wusste, dass ich den ersten Vortrag falsch
verstanden hatte. Er spielt Schach, ohne jemals zu verlieren.
Aber warum hatte er in unserer
ersten und einzigen Partie eine Chance übersehen, die jeder blutige Anfänger sofort
ergriffen hätte? Da lag der Schlüssel zum Problem: Er hatte sie nicht gesehen, weil ich
auch nicht daran gedacht hatte.
Norbert Telemann hatte von
Astrophysik eben so wenig Ahnung wie ich, und Schach spielte er wahrscheinlich sogar noch
schlechter. Er konnte nichts anderes als Gedanken lesen.
Die Schachweltmeisterschaften
standen in diesen Wochen vor der Tür, Norbert Telemann griff nach dem Titel, und nach den
Wettquoten zu urteilen räumte die Öffentlichkeit dem Titelverteidiger nicht einmal eine
minimale Chance ein.
Ich stürzte vom Krankenlager an
den Computer. Meine sensationelle Entlarvung des Hochstaplers Norbert Telemann
musste
einschlagen wie eine Bombe. Ich würde zur Berühmtheit, zum Retter der Welt. Ich
ergoss
mich in einer wortgewaltigen Flut zwangsläufiger Schlussfolgerungen. Diesem Mann ging es
nicht etwa um einen Meistertitel. Er wollte alles. Nichts und niemand war vor ihm sicher.
Ich malte die grauenvollsten Folgen seiner unheilschwangeren Gabe aus: Spionage,
Erpressung, schließlich der Griff nach der unumschränkten Macht. Nur ich konnte ihn noch
aufhalten. Mit meinem Artikel erfüllte ich eine heilige Pflicht an der Menschheit.
Am nächsten Morgen klingelte mich
mein Chef aus dem Schlaf der Gerechten. Offensichtlich sei ich noch sehr angegriffen,
wahrscheinlich überarbeitet, ich sollte doch einmal den Arzt aufsuchen. Er hätte auch
nichts dagegen, wenn ich sofort für zwei Wochen in den Urlaub ginge. Vor allem aber
müsste ich die Finger vom Alkohol lassen, rundete er seine angeblich wohlmeinenden
Ratschläge ab.
Die Fakten sprachen für sich:
Auch mein Chef war bereits in die Verschwörung des Norbert Telemann einbezogen. Von mir
verlangte man, dem Untergang der menschlichen Zivilisation hilf- und tatenlos zuzusehen.
Die Weltmeisterschaft gewann
Herausforderer Telemann wie erwartet problemlos. Nach fünf glücklosen Partien gab der
bisherige König des Schachspiels resigniert sein Zepter an den Varitédarsteller ab.
Die Zeitungen waren voll von
Kommentaren über das "Wunder Telemann". Ich, der einzige, der die Hintergründe
kannte, war zum Schweigen verurteilt. Bei der Botschaft des Königreiches Tonga erkundigte
ich mich nach den Einwanderungsbedingungen, erhielt aber keine Antwort. Der Feind hatte
meine letzten Fluchtwege versperrt.
Doch dann eröffnete
sich eine neue Chance. Der frischgebackene
Weltmeister Norbert Telemann wollte vor den Augen der internationalen Fernsehkameras in
seinem alten Verein, dem Ausgangspunkt seines Höhenfluges, ein Simultanspiel gegen alle
Mitglieder liefern. Das ganze sei für einen wohltätigen Zweck, ließ er durch seine
Herolde verkünden, aber ich spürte, dass er es nur auf meine erneute Demütigung
abgesehen hatte. Doch diesmal war ich gewappnet.
Ich hatte meine Rache in allen
Einzelheiten vorbereitet. Auf die vom Verein angesetzten Trainingsabende konnte ich
getrost verzichten, vertiefte mich dafür in banale Videofilme und Comic-Strips. Zur
Arbeit ging ich nicht mehr: Ich musste jede intellektuelle Anforderung vermeiden. Norbert
Telemann sollte auf einen Gegner stoßen, der ihn mit seiner eigenen Geheimwaffe schlug.
Als ich das überfüllte
Vereinshaus betrat und mich zwischen Schaulustigen und Fernsehteams hindurchschlängelte,
war mir Schach die uninteressanteste Sache der Welt. Ich hatte es sogar geschafft,
einfache Regeln aus meinem Kopf zu verbannen.
Die Clubmitglieder brüteten vor
ihren Brettern. Der Weltmeister schlenderte von Tisch zu Tisch, warf jeweils einen kurzen
Blick auf den verzweifelt grübelnden Spieler, zog seine Figur und wendete sich dann dem
nächsten Opfer zu.
Ein Comic-Heft aufgeschlagen ließ
ich mich von seinem Erscheinen nicht stören. Asterix hatte wieder seinen Zaubertrank
genommen, und ich war intensiv damit beschäftigt, die verprügelten Römer zu zählen.
"Sie haben noch nicht
gezogen", fuhr mich der Schiedsrichter mit heruntergeschlucktem Ärger an.
"Na gut, wenn es sein
muss", sagte ich trocken und bewegte irgendeinen Bauern zwei Felder vor. Dann
versenkte ich mich wieder in den Comic-Strip, in dem Asterix soeben das Kolosseum aus den
Angeln hob.
Norbert Telemann blickte
geistesabwesend in die Runde.
"Herr Telemann, trotz des
reichlich ungewöhnlichen Verhaltens Ihres Gegners sind Sie jetzt am Zug", holte ihn
der Schiedsrichter in die Realität zurück. Ich packte befriedigt mein Wurstbrot aus.
Bei unserem zweiten Zug dachte ich
darüber nach, ob ich mir einen weißen oder einen schwarzen Wagen zulegen sollte.
"Ich würde lieber weiß nehmen", empfahl mir der Weltmeister.
Dem Schiedsrichter stand vor
Staunen der Mund offen. "Herr Telemann, Sie können doch nicht im Spiel die Farbe
wechseln", stotterte er verblüfft.
Der angebliche Genius lief blutrot
an. "Ich meine doch nicht die Figuren. Ich wollte sagen, der Herr sollte sich lieber
ein weißes Auto kaufen", versuchte er, sich zu rechtfertigen.
"Kein Problem, Herr
Schiedsrichter", gewährte ich meinem Gegner großzügig Schützenhilfe. "Wir
haben uns nur unterhalten."
Damit war mein Repertoire an
dummdreister Frechheit aber noch lange nicht erschöpft. Begeistert über das inzwischen
herrschende Chaos unter den Spielfiguren stellte ich fest, dass die Felder zwischen meinem
König und dem Turm frei waren. Das Reglement erlaubte mir demnach die Rochade.
"Sagen Sie, Herr Telemann,
zieht man bei einer Rochade nun zuerst den König oder doch den Turm?" Mir war
wirklich an einer korrekten Auskunft gelegen, denn bei einem regelwidrigen Zug wäre die
Partie an ihn gegangen.
"Woher soll ich denn das
wissen", platzte der Weltmeister wutschnaubend hervor. "Ich kann mir das doch
auch nie merken."
"Schade", sagte ich.
"Weil Sie doch öfter spielen, hatte ich geglaubt, Sie wüssten es."
Eine unüberhörbare Verwunderung
erfasste die Zuschauer.
Ich ließ die Finger von der
Rochade, setzte den König einfach ein Feld nach links und las weiter in den Abenteuern
von Asterix und Obelix. Norbert Telemann sank auf dem bereitgestellten Stuhl zusammen. Vor
den Fernsehgeräten verfolgte weltweit ein Millionenpublikum die Spur seiner
Schweißperlen.
Nach einigen Minuten, in denen ich
mich von der Schlacht um Rom fesseln ließ, hatte er sich zu einer Variante durchgerungen,
die unter der Bezeichnung "Telemannsche Offensiv-Verteidigung" in die
Schachgeschichte eingehen sollte: als legendäres, aber untaugliches Ausweichmanöver.
Kurz darauf warf der Weltmeister
das Handtuch und erklärte gleichzeitig seinen Rückzug aus der Schachwelt. Ich bemerkte
von allen Anwesenden dieses Ereignis als letzter. In meinem Comic-Strip fegten die Römer
gerade die Trümmer des Kolosseums zusammen.
Ich
bin jetzt eine bedeutende Persönlichkeit. Bobby Fischer hat sein Schweigen gebrochen,
mich als einen der Großen dieses Jahrhunderts, als wiedergeborenen Lasker bezeichnet und
zu einem Match über 21 Partien aufgefordert. Falls ich annehme, hat mir der
Weltschachverband eine Börse von fünf Millionen Dollar garantiert und bei Sieg weitere
fünf Millionen zugesagt. Eine russische Fachzeitschrift bittet mich um eine regelmäßige
Kolumne. Die russischen Großmeister sollen von mir lernen.
Ich sorge mich allerdings um die Beständigkeit
meines jungen Ruhmes. Vielleicht bringt mir Norbert Telemann das Gedankenlesen bei. Aber
ich fürchte, die boshafte Dummheit eines einzigen Neiders reicht aus, mich in die
Anonymität zurückzustoßen.