Gegen
16.30 ist die Lufthansa-Maschine im Landeabflug auf den
Balaton-Flughafen von Sármellék. Aus der
Luft betrachtet wirkt die Landschaft um den Plattensee zunächst eher
uninteressant, beinahe als das völlige Fehlen von Landschaft. Man sieht
den gekrümmten See, doch darum herum gibt es aus unserer Perspektive
nichts als absolut flaches Land, aneinandergrenzende Felder, einige Dörfer.
In einem dieser Dörfer steht ein größeres Schloss, das auch aus der
Luft noch sehr imposant ausschaut.
Und
dann ändert sich beim weiteren Landeanflug auch das Landschaftsbild.
Unter uns liegen nun eine Unzahl kleiner Seen und Tümpel, ein Flüsschen,
noch kahle Wälder und weites Sumpfland, ein Gebiet, durch das zwar
einige schmale Wege, aber keine Straßen führen, in dem auch kein
menschliches Anwesen steht.
Der
Flughafen von Sármellék, nun mit dem Namen „Fly Balaton“ versehen,
besteht aus einer lilafarbenen Abfertigungshalle und einigen unter Erdhügeln
verborgenen Bunkern. Unsere Maschine ist die einzige, die heute überhaupt
abgefertigt wird, denn eigentlich wird dieser Flughafen, immerhin als
„Internationaler Airport“ geführt, nur in der Urlaubssaison von
April bis Oktober angeflogen, und auch in dieser Zeit von kaum mehr als
ein oder zwei Maschinen täglich, von einigen kleinen Privatmaschinen
vielleicht abgesehen.
Am
Rande des Flughafens stehen einige bereits zerfallende Wirtschaftsgebäude,
dazu die nicht weniger zerfallenen Häuser einer monotonen Wohnsiedlung.
Das waren Unterkünfte für die sowjetischen Soldaten – denn bis zur
Wende war Sármellék angeblich sogar der größte sowjetische Militärflughafen
in Ungarn. Geblieben sind davon eine breite stabile Rollbahn, ein alter,
aber noch funktionierender Tower und eben diese Ruinen.
Sármellék
selbst ist ein kleines Straßendorf, dessen Häuser allerdings quer, mit
der kurzen Seitenfront zur Straße stehen. Zum Eingang kommt so nicht
direkt von der Straße, sondern nur über die einzelnen Grundstücke.
Das lässt manches Haus wohl bescheidener erscheinen als es vielleicht
wirklich ist – eine Besonderheit dieser westungarischen Bauweise.
Bevor
wir in unserem Hotel in Bad Héviz auschecken,
machen wir zunächst noch eine kleine Stadtrundfahrt durch den Kurort,
der vor allem aus größeren Hotelanlagen, die meisten wohl noch
errichtet in der Zeit vor der Wende, einer Hauptstraße und davon
abzweigend zwei frisch gemachte Fußgängerzonen. Auch an der Hauptstraße
gibt es einige kleinere Hotels, wohl die älteren Anlagen – und
diverse Gesundheitseinrichtungen, darunter auch eine größere
Zahnklinik.
Am
Rand des Städtchens liegt dann, umgeben von einem künstlich angelegten
Wald von Sumpfzypressen, der Thermalsee von Bad Héviz, der See, dem der
Kurort seine Existenz verdankt.
Unser
Hotel, das Danubius Health Spa Resort, wirkt von außen noch immer wie
einer jener „realsozialistischen Betonklötze“, ein Eindruck, der
sich aber rasch relativiert. Wobei aber fest zu halten ist: Der
Schwefelgeruch der Thermalbad-Einrichtungen zieht sich durch das ganze
Haus, bis in die Rezeption. Die Badeeinrichtungen selbst wirken dagegen
nicht nur gediegen, sondern durch ihren auf „alt-römisch“
getrimmten Stil etwa mit Holzsäulen etc. geradezu mondän.
Nach
dem Frühstück ein kleiner Bummel durch die Innenstadt: Gegen neun Uhr
haben die meisten Geschäfte in der Fußgängerzone noch geschlossen,
und es sind auch kaum Menschen auf der Straße. Schilder weisen darauf
hin, dass einige Wohnungen und Appartements noch Mieter suchen.
Schließlich
fahren wir zum Thermalsee, um dort ein warmes Bad zu nehmen. Auf dem Weg
dorthin passiert man so etwas wie einen Kurpark mit einem Restaurant und
einem älteren Hotelgebäude, betritt dann wie ein Freibad gestaltete
Seegelände wie ein Freibad durch das Kassenhäuschen, einem hübschen,
mit Ziertürmen versehenen mittelgroßen Bau.
Der
Wald, der den See umgibt, wurde übrigens Ende des 18. Jahrhunderts künstlich
angelegt, um ihn vor den Schwankungen des Wetters zu schützen. Das
schuf, wie wir vom ärztlichen Direktor der Anlage hören, dann ein
besonders mildes Mikroklima, in dem auch das Wasser des Sees selbst im
Winter nicht unter 23 bzw. 24 Grad fällt. Und gespeist wird der See aus
fünf unterirdischen Höhlen, so eng, dass ein Taucher nicht mit seiner
Ausrüstung hinein kommt.
Doch
ganz unabhängig von allen medizinischen Ansprüchen: Gestaltet ist das
Seebad als ein Freizeitbad, zwar mit etlichen Massageräumen, mit
eigenen Zugängen zum See für Rollstuhlfahrer – aber eben doch ein
Vergnügungsbad, auf dem die Boote fahren, und sogar einige Fische leben
in dem schwefelhaltigen Wasser.
Nach
dem See-Besuch unternehmen wir einen Abstecher in ein weiteres
Kur-Hotel, in das Helios. Was das Helios als Besonderheit für sich
beansprucht: Es gibt hier einen größeren Botanischen Garten und vor
dem Hotel ein burgähnliches, mittelalterlich erscheinendes Gebäude,
das Haus, das ursprünglich einmal schützend um die Helios-Quelle
errichtet wurde.
Auf
der einzigen asphaltierten Straße, einer übrigens auf Stelzen
errichteten Straße fahren wir durch die Region des Kis-Balaton, des
„Kleinen Plattensees“, durch jene Sumpf- und Seenlandschaft südlich
des eigentlichen Balaton, die wir bereits aus dem Flugzeug gesehen
haben. Das ganze ist nun Naturschutzgebiet, Heimat zahlreicher
Vogelarten, hat aber nur noch den Bruchteil seiner ursprünglichen Größe.
An
einem kleinen Aussichtspunkt machen wir einen kurzen Stop: Links und
rechts der Straße breitet sich ein mittelgroßer See mit
schilfbewachsenen Ufern aus, etwas weiter weg schwimmen einige Schwäne.
Offenkundig kann man hier auch angeln. Einige ältere Leute haben sich
hier jedenfalls mit ihren Angeln nieder gelassen.
Wir
kommen nun durch eine eher hügelige Landschaft, entdecken auf einem
Laternenpfahl auch den ersten Storch, haben dann Bad
Zalakaros erreicht.
Die
Geschichte dieser Ortschaft: Zu Beginn der 1970-er Jahre suchte man hier
nach Erdöl, fand statt dessen die Thermalquellen – und das kleine
Dorf am Rande des südlichen Balaton-Gebietes konnte sich zu einem
Heilbad entwickeln. Von einem alten Dorfkern ist nicht viel zu sehen, es
gibt dafür ein „touristisches Zentrum“ mit einigen Restaurants, natürlich
eine Reihe Hotels, und schließlich ein großes Thermalbad, ausgestattet
mit Freibädern, Hallenbad, einem Gesundheitszentrum. Und obwohl die großen
Hotels auch über eigene Thermalbäder verfügen, ist dieses öffentliche
Thermalbad recht gut frequentiert.
Wir
fahren den Weg, den wir gekommen wieder zurück nach Héviz.
Samstag,
26. März 2011: Bad Héviz – Keszthely – Balatongyörök – Sümeg
– Bad Sárvár
Der
Tag beginnt mit zwei weiteren Hotelbesichtigungen in Bad Héviz, wobei
zu einem dieser Hotels auch eine eigene Zahnklinik gehört. Der
Zahnbehandlungs-Tourismus scheint doch eine bedeutende Rolle zu spielen
– und die Klinikbetreiber betonen, dass sie zwar nicht besser, aber
eben deutlich preiswerter als die Zahnärzte in Deutschland wären, aber
eben doch auch auf dem Qualitätsniveau arbeiten, auf dem man in
Deutschland arbeitet.
Auf
unserem Weg nach Bad Sárvár passieren wir zunächst Keszthely,
ein hübsches barockes Kleinstädtchen mit interessanter Fußgängerzone
und vielen herrlichen alten Häusern rund um das Festetics-Schloss, ein
ganz in weiß gehaltener Prunkbau, umgeben von einem schon angelegten
Park, mit einer eigenen Kirche mit Zwiebeltürmen.
Keszthely
ist zwar die „Hauptstadt“ der Balaton-Region, es gibt hier sogar
eine Universität – aber glücklicherweise konnte sich hier der
realsozialistische Plattenbau-Stil abgesehen von einigen Ausnahmen
zumindest in der Innenstadt nicht durchsetzen, die so ihre antiken
Ensembles erhalten hat.
Wir
fahren – leider ohne vorher einen Stadtbummel zu machen – zum
Plattensee, sehen an der Straße ab und an ein Haus mit einem
Reetgedeckten Dach, einige eher wenige Überbleibsel der hier
verbreiteten ursprünglichen Bauweise. Schließlich kommen wir über
eine Mandelbaum-Allee, deren Bäume gerade in rosa und weiß aufblühen,
erreichen dann den Aussichtspunkt von Balatongyörök.
Von
hier sieht man auf das Gebirge auf der anderen Seite des Sees, ein
Gebirge, von dem nur die geringeren Höhen an der seezugewandte Seite
bebaut sind, das aber ansonsten in seinen höheren Lagen naturbelassen
wirkt, auf das Schilf-Ufer des Balaton – und auf einen Teil des
Radweges, der ihn seit einigen Jahren umgibt.
Der
Name „Balaton“ kommt übrigens, so bekommen wir von unserem Reiseführer
zu hören, aus der slawischen Sprache, bedeutet so viel wie „Seichtes
Wasser“ oder Sumpfgebiet – während der deutsche Name
„Plattensee“ keine tiefere Bedeutung hat, einfach dadurch zustande
kam, dass man in der Zeit der Habsburger Monarchie auch einen deutschen
Namen für Mitteleuropas größten See suchte, einen Namen, der auch an
wenig nach Balaton klingen sollte -
und so eben auf „Plattensee“ verfiel.
Wir
wenden uns nun vom See ab, fahren durch landwirtschaftlich genutzten
Gebiet, vorbei an Weiden, auf denen meist kleinere Herden grauer Rinder
mit ungewöhnlich großen Hörnern stehen. Eigentlich waren diese
Graurinder, eine widerstandsfähige Rasse, die auch den Winter über auf
der Weide bleibt, schon fast ausgestorben, aber jetzt sieht man sie doch
wieder recht häufig.
Schon
von weitem sichtbar: die Burg von Sümeg. Die Wälle
der mittelalterlichen Festung liegen auf einem Hügel, der hoch über
die Ebene hinausragt, ein strategischer Punkt, der in der Zeit der Türkenkriege
immer wieder heiß umkämpft war. Doch ganz so mittelalterlich, wie sie
scheinen, sind die Burgmauern, hinter denen nur noch zwei Turmanlagen
hervorschauen, nun doch nicht. Die Mauern wurden nämlich in der Zeit
der Habsburger Herrschaft, nach einem der vielen ungarischen Aufstände,
niedergerissen, erst vor wenigen Jahren von einem privaten Investor
wieder hoch gezogen. Und dem Ort scheint das gut zu bekommen: Die Burg
entwickelt sich nämlich zu einem Anziehungspunkt des Tourismus, Sümeg selbst wird zum
Schauplatz regelmäßiger Mittelalter-Festivals.
Schließlich
überqueren wir den Fluss Raab, haben unser Ziel, Bad
Sárvár erreicht. Das erste, was bei der Einfahrt in die Stadt ins
Auge springt, ist die öffentliche Thermenanlage, auch die wieder
gestaltet wie ein Freizeit-Bad – und ähnlich wie in Zalakaros begann
die Geschichte des Heilbades auch hier mit vergeblichen Erdöl-Bohrungen
in den 1970er Jahren.
Neben
dem Freizeitbad schließt sich ein Park an, und hier liegt auch unser
Hotel, das Spirit Hotel, von außen auf den ersten Blick etwas
futuristisch, innen modern und edel, angeblich Ungarns einziges Fünf-Sterne-Hotel
außerhalb von Budapest. Klar auch hier wie schon in Bad Héviz: Im
Mittelpunkt stehen die Thermalbäder des Hauses, die Saunen und Massageräume,
aber hier geht es wohl mehr um Wellness- als um Kurbehandlungen, und
entsprechend jünger ist auch das Hotelpublikum.
Durch
den am Hotel liegenden Park laufen wir das kurze Stück bis zur
Innenstadt, zur Burg von Sárvár. Mehrere Seen durchziehen den Park,
teilweise sogar so groß, dass in ihnen noch kleine Inseln Platz haben
– und mitunter verirren sich sogar Hirsche und Rehe in den Stadtpark,
der selbst an ein größeres Waldgebiet angrenzt.
Sárvárs
Burg, in ihrer jetzigen Gestalt im Spätmittelalter und Barock
entstanden, aber natürlich viel älter, war ursprünglich eine
Wasserburg, wobei der ihre Mauern umgebende Graben wohl schon lange kein
Wasser mehr führt. Eine der vielleicht typischen Burg-Geschichten: Die
Burg war unter anderem Herrschaftssitz der so genannten Blutgräfin, der
Witwe eines erfolgreichen Feldherren, die als eine der reichsten Frauen
des Landes den Neid der männlichen Adeligen auf sich zog. Unter dem
Vorwand, das Blut von Jungfrauen zu trinken, wurde sie dann lebendig in
ihrer Burg eingemauert. Der Hintergrund des Vorwurfs soll dabei gewesen
sein, dass sie eine Dienstmagd geschlagen und gekratzt haben soll, so
selbst mit blutiger Hand von Zeugen beobachtet worden zu sein.
Wie
auch immer: Wir kommen für eine Besichtigung zu spät, die Räume sind
bereits geschlossen, können nur einen Blick in den runden Burghof
werfen, dann, es fängt an, leicht zu regnen, einen Bummel durch die
Altstadt machen.
Gleich
neben der Burg ist der barocke Hauptplatz mit einer schönen Kirche und
einem älteren Gebäude, das vielleicht einmal das Rathaus war, andere
dieser stickverzierten Uralt-Häuser, nicht alle schon restauriert,
dienen als kommunale Wohnhäuser.
Durch
ein anderes Hotel geht es noch kurz ins Arborétum, den Botanischen
Garten von Bad Sárvar, in einen Park mit einigen Jahrhunderte alten Bäumen
und einem weiteren See.
Bad
Sárvár gilt als eine der hübschesten Städte im Westen Ungarns, wirkt
aber am späten Samstag Abend im Nieselregen nun wie ausgestorben
Sonntag,
27. März 2011: Bad Sárvár – Sármellék
Morgens
um 7.20 Uhr, es regnet immer noch, sitzen wir wieder im Bus, um zurück
zum Flughafen zu fahren. Hinter Keszthely kommen wir auf eine
Kastanien-Allee, fahren vorbei am ehemaligen Gestüt der Familie
Festetics. Einige Nachfahren der Pferde, die von der Adels-Familie hier
gezüchtet wurden, leben noch in Amerika – und sollen jetzt, so
aktuelle Pläne, zu einer Nachzucht wieder nach Ungarn geholt werden.
Bevor
wir zurück nach Frankfurt fliegen, machen wir von Sármellék aus noch
einen kleinen Rundflug über den Plattensee, sehen die Badeorte an
seinen Stränden, einige davon um Yachthafen erweitert, noch einmal aus
der Vogelperspektive. Wegen der Regenwolken ist die Sicht im allgemeinen
zwar eher bescheiden, eröffnet aber doch den Blick auf eine
Ferienregion, die mitunter an das Mittelmeer und die Adria erinnert.
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